Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Akemi's Story

Baum-Darstellung

Vorheriger Beitrag Vorheriger Beitrag   Nächster Beitrag Nächster Beitrag
  1. #1
    Siedler Avatar von coel
    Registriert seit
    30.05.2016
    Ort
    Salzburg
    Alter
    29
    Beiträge
    213

    Beitrag Akemi's Story

    Akemi hielt die Luft an. Der Gestank der Kanalisation drang ihr so gewaltsam in die Nase, dass sie zu husten anfangen musste. Eilig kramte sie aus ihrem ledernen, schlauchförmigen Sack, der an ihrer Hüfte befestigt war, ein Knäuel aus Stofffetzen und eine Phiole mit einer goldgelben Flüssigkeit heraus. Nachdem sie ein paar Tropfen auf den länglichen Stofffetzen geträufelt hatte, band sie sich diesen über die Nase. Verwesung und Abfall wichen dem unverkennbar betäubenden Duft der Schlangenblume. Dieses Gewächs machte den Geruchssinn für eine Weile unbrauchbar, aber diesen Nachteil würde sie verkraften können. Besser nichts riechen zu können als das, was sie beim Betreten so brutal wie ein Faustschlag willkommen geheißen hatte.
    Das Holz ihrer Schuhsohlen klopfte bei jedem Schritt über die schmierig glänzenden Pflastersteine. Hier und da knacksten auch Knochen von verendeten Kleintieren oder die Chitinpanzer von Insekten. Akemi achtete jedoch sehr darauf, dass sie nicht auf ein gewisses Tier trat, während sie durch die nur schwach von Mond erhellte Kanalisation ging. Sie warf einen kurzen Blick durch eines der rostigen Kanalgitter in den nächtlichen Himmel. Der bläulich strahlende Vollmond war groß wie ein Apfel und sie leckte sich beim Gedanken an die saftige Frucht hungrig über die Lippen. Sobald sie die Angelegenheit hinter sich gebracht hatte, würde sie das Lagerhaus von irgendeinem Händler plündern.
    Je weiter sie durch die Gänge wanderte umso dunkler wurde es. Die vereinzelten Gitter über ihr waren verschwunden und so war Akemi gezwungen eine Fackel zu benutzen. Das plötzliche Auflodern des Feuers ließ sie reflexartig blinzeln, dann gewöhnten sich ihre smaragdgrünen Augen rasch wieder an die Umgebung.
    Endlich war sie in der ausgedehnten unterirdischen Halle angekommen. Sie suchte nach einer einigermaßen sauberen Sitzmöglichkeit und fand diese in Form einer überraschend gut erhaltenen Kiste. Von diebischer Neugier gelenkt, hob sie diese kurz an und klopfte diese ab. Enttäuscht musste sie feststellen, dass diese leer war und mit einem Ausstoß von Luft aus ihrer Nase gab sie ihrer Unzufriedenheit einen Ton. Sie setzte sich auf die Kiste, um sich daraufhin sorgfältig und mit Bedacht die längliche Pfeife zu stopfen. Aus einer leicht verbeulten, metallenen Schatulle, dessen Deckel einen kunstvollen Drachen abbildete, der möglicherweise früher farbenfroh dem Betrachter ein Lächeln abgewinnen konnte, zupfte sie trockene Fäden von Nogo-Tabak. Dieses dunkle Kraut stellte den Zeitvertreib für Akemi dar, während sie auf der Kiste den hölzernen Pfeifenkopf mit ruhigen Zügen zum Glühen brachte.
    Auch wenn dieser Ort nicht so gut roch, so war sie doch dankbar für die feuchte Kälte. Dieser Hochsommer schien unerträglich heiß zu sein. Akemi versuchte die unteren Ebenen zu meiden, wo man in der stickende Hitze kaum atmen konnte. Die Nächte verbrachte sie oft damit beim Schlafen abrupt aufzuwachen, nur um pinkeln zu gehen, weil sie vorher so viel getrunken hatte, damit sie überhaupt erst einschlafen konnte. Ihr Schweiß war bereits auf ihrer hellen Haut getrocknet und ihr Körper kühlte merklich ab, so dass sie sich kurz schütteln musste.
    „Soll ich ruhig ein wenig frieren“, sagte sich Akemi leise und blies den bläulichen Rauch in die tiefe Schwärze, die sie umgab, hinaus, „Wenn es hier nicht so stinken würde, hätte ich jetzt mein Sommerlager gefunden.“
    Amüsiert gluckste sie bei dem Gedanken, während sie beiläufig mit ihren rechten Fuß aus einem ihrer Sandalen schlüpfte. Behutsam und gekonnt massierte sie diesen. Gestern war sie bei der Flucht aus einem Haus, in welches sie sich zum Übernachten geschlichen hatte, überrascht aufgeweckt worden. Das hatte dazu geführt, dass halbwach und deswegen auch tölpelhaft aus dem Fenster sprang. Die Landung erwies sich als sehr schmerzhaft, doch mit Flüchen und Humpeln, die jedem Krüppel als lebhaftes Vorbild dienen sollten, gelang es ihr die Häscher abzuhängen. Geblieben war ein noch leicht geschwollener Fuß, aber das im Haus gefundene Nogo machte den peinlichen Ausgang der Geschichte erträglicher.
    Endlich hörte sie die Geräusche, auf die sie gewartet hatte. Ein immer näher lauter werdendes Trippeln von zahllosen kleinen Füßchen kündigte das Kommen an. Akemi spitzte ihre Ohren, um vielleicht auch das zu hören, was sie insgeheim vermutete. Sie konnte aber nur die kleinen Nager vernehmen, die mit einem Schlag wie eine Flut aus einem der finsteren Gänge in die Halle strömten. Lautes Quieken erfüllte den vorher so stillen Raum und hunderte rote, bösartig dreinschauende Augen starrten sie an. Wäre Akemi diesen Anblick nicht bereits vorher einige Male begegnet, so hätte sie in diesem Augenblick mit blanker Angst zu kämpfen. Stattdessen sog sie noch einmal kräftig den süßlichen Rauch ein und schob ihren Fuß wieder in die Sandale.
    Unter den vielen kleinen Blicken befanden sich ein paar Blassblaue. Allmählich trat die Gestalt in den Schein der Fackel und eine Reihe von leicht schiefen, aber weißen Zähnen glänzte im Gesicht einer Frau. Die Ratten verstummten schlagartig, als ihre menschliche Herrin zu sprechen begann.
    „Ich grüße dich, Akemi.“
    Ihre Stimme fühlte sich wie klebriges Pech an. Es troff aus ihrem Mund und überzog die Person, mit der sie sprach, wie einen Mantel.
    „Als würde sie mich mit ihren Worten ersticken wollen“, dachte sich Akemi angewidert.
    „Auch ich grüße dich, Nezumi.“
    Die Rattenprinzessin reichte ihr die Hand. Eine seltsame, doch für Akemi mittlerweile bekannte, Geste folgte. Sie gab ihre Hand in die Gereichte, woraufhin jeder Finger überaus sanft und fließend betastet wurde. Nezumi begrüßte jeden erwarteten Menschen auf diese Art und Weise, nur bei ihr ließ sie sich besonders lange Zeit. Ungebetenen Gästen trat sie erst gar nicht gegenüber. Diese bekamen auch nie die Möglichkeit. Die Knochen der Mutigen erzählten ihre stumme, aber dennoch bildhafte Geschichte darüber.
    „Wir haben uns seit vielen Sonnen nicht mehr gesehen.“
    Auch das war eine Andersartigkeit bei ihr. Es waren keine Tage, sondern Sonnen.
    Akemi schüttelte kaum merkbar den Kopf. Sie war nicht hier, um Vergleiche zu ziehen.
    „Ich brauche deine Hilfe.“
    „Hast du denn…?“
    Kaum hatte sie den Satz angefangen, da warf Akemi bereits mit ihrer anderen freien Hand ein schweres Bündel vor sich auf den Boden. Es gab einen nassen Laut von sich und brachte die Ratten dazu, dass sie misstrauisch zurückschreckten.
    „Reicht denn dieser Tribut überhaupt für dein Anliegen?“, fragte Nezumi interessiert und kicherte kurz.
    „Ich muss eine Lieferung abfangen. Ohne dich schaffe ich das nicht.“
    „Was ist das für eine Lieferung?“
    „Eine sehr wertvolle.“
    „Etwas von Wert kann man nicht fressen, Akemi. Langweile mich nicht.“
    „Es wird dir aber sicherlich gefallen, wer es empfangen soll.“

    ...
    Geändert von coel (27.06.2016 um 23:55 Uhr)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •