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Thema: Akemi's Story

  1. #1
    Siedler Avatar von coel
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    Beitrag Akemi's Story

    Akemi hielt die Luft an. Der Gestank der Kanalisation drang ihr so gewaltsam in die Nase, dass sie zu husten anfangen musste. Eilig kramte sie aus ihrem ledernen, schlauchförmigen Sack, der an ihrer Hüfte befestigt war, ein Knäuel aus Stofffetzen und eine Phiole mit einer goldgelben Flüssigkeit heraus. Nachdem sie ein paar Tropfen auf den länglichen Stofffetzen geträufelt hatte, band sie sich diesen über die Nase. Verwesung und Abfall wichen dem unverkennbar betäubenden Duft der Schlangenblume. Dieses Gewächs machte den Geruchssinn für eine Weile unbrauchbar, aber diesen Nachteil würde sie verkraften können. Besser nichts riechen zu können als das, was sie beim Betreten so brutal wie ein Faustschlag willkommen geheißen hatte.
    Das Holz ihrer Schuhsohlen klopfte bei jedem Schritt über die schmierig glänzenden Pflastersteine. Hier und da knacksten auch Knochen von verendeten Kleintieren oder die Chitinpanzer von Insekten. Akemi achtete jedoch sehr darauf, dass sie nicht auf ein gewisses Tier trat, während sie durch die nur schwach von Mond erhellte Kanalisation ging. Sie warf einen kurzen Blick durch eines der rostigen Kanalgitter in den nächtlichen Himmel. Der bläulich strahlende Vollmond war groß wie ein Apfel und sie leckte sich beim Gedanken an die saftige Frucht hungrig über die Lippen. Sobald sie die Angelegenheit hinter sich gebracht hatte, würde sie das Lagerhaus von irgendeinem Händler plündern.
    Je weiter sie durch die Gänge wanderte umso dunkler wurde es. Die vereinzelten Gitter über ihr waren verschwunden und so war Akemi gezwungen eine Fackel zu benutzen. Das plötzliche Auflodern des Feuers ließ sie reflexartig blinzeln, dann gewöhnten sich ihre smaragdgrünen Augen rasch wieder an die Umgebung.
    Endlich war sie in der ausgedehnten unterirdischen Halle angekommen. Sie suchte nach einer einigermaßen sauberen Sitzmöglichkeit und fand diese in Form einer überraschend gut erhaltenen Kiste. Von diebischer Neugier gelenkt, hob sie diese kurz an und klopfte diese ab. Enttäuscht musste sie feststellen, dass diese leer war und mit einem Ausstoß von Luft aus ihrer Nase gab sie ihrer Unzufriedenheit einen Ton. Sie setzte sich auf die Kiste, um sich daraufhin sorgfältig und mit Bedacht die längliche Pfeife zu stopfen. Aus einer leicht verbeulten, metallenen Schatulle, dessen Deckel einen kunstvollen Drachen abbildete, der möglicherweise früher farbenfroh dem Betrachter ein Lächeln abgewinnen konnte, zupfte sie trockene Fäden von Nogo-Tabak. Dieses dunkle Kraut stellte den Zeitvertreib für Akemi dar, während sie auf der Kiste den hölzernen Pfeifenkopf mit ruhigen Zügen zum Glühen brachte.
    Auch wenn dieser Ort nicht so gut roch, so war sie doch dankbar für die feuchte Kälte. Dieser Hochsommer schien unerträglich heiß zu sein. Akemi versuchte die unteren Ebenen zu meiden, wo man in der stickende Hitze kaum atmen konnte. Die Nächte verbrachte sie oft damit beim Schlafen abrupt aufzuwachen, nur um pinkeln zu gehen, weil sie vorher so viel getrunken hatte, damit sie überhaupt erst einschlafen konnte. Ihr Schweiß war bereits auf ihrer hellen Haut getrocknet und ihr Körper kühlte merklich ab, so dass sie sich kurz schütteln musste.
    „Soll ich ruhig ein wenig frieren“, sagte sich Akemi leise und blies den bläulichen Rauch in die tiefe Schwärze, die sie umgab, hinaus, „Wenn es hier nicht so stinken würde, hätte ich jetzt mein Sommerlager gefunden.“
    Amüsiert gluckste sie bei dem Gedanken, während sie beiläufig mit ihren rechten Fuß aus einem ihrer Sandalen schlüpfte. Behutsam und gekonnt massierte sie diesen. Gestern war sie bei der Flucht aus einem Haus, in welches sie sich zum Übernachten geschlichen hatte, überrascht aufgeweckt worden. Das hatte dazu geführt, dass halbwach und deswegen auch tölpelhaft aus dem Fenster sprang. Die Landung erwies sich als sehr schmerzhaft, doch mit Flüchen und Humpeln, die jedem Krüppel als lebhaftes Vorbild dienen sollten, gelang es ihr die Häscher abzuhängen. Geblieben war ein noch leicht geschwollener Fuß, aber das im Haus gefundene Nogo machte den peinlichen Ausgang der Geschichte erträglicher.
    Endlich hörte sie die Geräusche, auf die sie gewartet hatte. Ein immer näher lauter werdendes Trippeln von zahllosen kleinen Füßchen kündigte das Kommen an. Akemi spitzte ihre Ohren, um vielleicht auch das zu hören, was sie insgeheim vermutete. Sie konnte aber nur die kleinen Nager vernehmen, die mit einem Schlag wie eine Flut aus einem der finsteren Gänge in die Halle strömten. Lautes Quieken erfüllte den vorher so stillen Raum und hunderte rote, bösartig dreinschauende Augen starrten sie an. Wäre Akemi diesen Anblick nicht bereits vorher einige Male begegnet, so hätte sie in diesem Augenblick mit blanker Angst zu kämpfen. Stattdessen sog sie noch einmal kräftig den süßlichen Rauch ein und schob ihren Fuß wieder in die Sandale.
    Unter den vielen kleinen Blicken befanden sich ein paar Blassblaue. Allmählich trat die Gestalt in den Schein der Fackel und eine Reihe von leicht schiefen, aber weißen Zähnen glänzte im Gesicht einer Frau. Die Ratten verstummten schlagartig, als ihre menschliche Herrin zu sprechen begann.
    „Ich grüße dich, Akemi.“
    Ihre Stimme fühlte sich wie klebriges Pech an. Es troff aus ihrem Mund und überzog die Person, mit der sie sprach, wie einen Mantel.
    „Als würde sie mich mit ihren Worten ersticken wollen“, dachte sich Akemi angewidert.
    „Auch ich grüße dich, Nezumi.“
    Die Rattenprinzessin reichte ihr die Hand. Eine seltsame, doch für Akemi mittlerweile bekannte, Geste folgte. Sie gab ihre Hand in die Gereichte, woraufhin jeder Finger überaus sanft und fließend betastet wurde. Nezumi begrüßte jeden erwarteten Menschen auf diese Art und Weise, nur bei ihr ließ sie sich besonders lange Zeit. Ungebetenen Gästen trat sie erst gar nicht gegenüber. Diese bekamen auch nie die Möglichkeit. Die Knochen der Mutigen erzählten ihre stumme, aber dennoch bildhafte Geschichte darüber.
    „Wir haben uns seit vielen Sonnen nicht mehr gesehen.“
    Auch das war eine Andersartigkeit bei ihr. Es waren keine Tage, sondern Sonnen.
    Akemi schüttelte kaum merkbar den Kopf. Sie war nicht hier, um Vergleiche zu ziehen.
    „Ich brauche deine Hilfe.“
    „Hast du denn…?“
    Kaum hatte sie den Satz angefangen, da warf Akemi bereits mit ihrer anderen freien Hand ein schweres Bündel vor sich auf den Boden. Es gab einen nassen Laut von sich und brachte die Ratten dazu, dass sie misstrauisch zurückschreckten.
    „Reicht denn dieser Tribut überhaupt für dein Anliegen?“, fragte Nezumi interessiert und kicherte kurz.
    „Ich muss eine Lieferung abfangen. Ohne dich schaffe ich das nicht.“
    „Was ist das für eine Lieferung?“
    „Eine sehr wertvolle.“
    „Etwas von Wert kann man nicht fressen, Akemi. Langweile mich nicht.“
    „Es wird dir aber sicherlich gefallen, wer es empfangen soll.“

    ...
    Geändert von coel (27.06.2016 um 22:55 Uhr)

  2. #2
    Siedler Avatar von coel
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    „Kann ich dir vertrauen?“
    Ungeachtet seiner Frage schauten ihre Augen, deren kräftige Farbe ihn an seinen polierten Kupferkelch erinnerte, den er immer mit sich führte, weiter träge den silbrig scheinenden Halbmond. Beinahe erschien es ihm, dass diese ganz von alleine in ihrer hellroten Farbe in dieser Nacht leuchteten.
    Ihr kleiner Mund sog lange und in einem meditativen Genuss an dem langen Pfeifenstiel, um kurz darauf ihre Lippen zu öffnen, damit ein bläulicher Rauch wie ein eifriger Efeu an einem Baumstamm hoch in den wolkenfreien Himmel kletterte, wo er sich dann langsam auflöste.
    Das Kraut für ihre kunstvolle, zierliche Pfeife hatte er ihr vor ihrem Auftrag überreicht. Einerseits als zusätzliche Bezahlung für ihre Hilfe, andererseits ihre Gunst dadurch zu gewinnen. Immerhin handelte es sich um den kostspieligen Nogo-Tabak, den sich sonst nur hohe Adlige und reiche Kaufleute leisten konnten. Für einen Augenblick erhaschte er den süßlichen Geruch des Tabaks und er fühlte sich, als ob er alleine in einem Garten voller Kirschbäume wanderte und die Ruhe der Abgeschiedenheit in sich aufnahm.
    Auch in diesem Augenblick waren er und seine Begleiterin fern von allen Bewohner der Stadt. Auf einem der Dächer im Meer der hohen und niedrigen Gebäude warteten sie auf die Ankunft ihres Zieles.
    Erneut stellte er seine Frage und schob dabei das Tuch von seinem Mund, das seine Identität verschleiern sollte.
    „Kann ich dir vertrauen?“
    „Ja“, antwortete sie auf eine Art und Weise die ihn beruhigen sollte, „Ja, das kannst du.“
    „Du bist eine Verräterin, Akemi.“
    Endlich sah sie ihn an. Unbeholfen geschnittene Haare von unterschiedlicher Länge lagen ihr teilweise auf dem pfirsichförmigen Gesicht, durch welches sich wenige Narben zogen, die ihre eigene Geschichte von überlebten Kämpfen erzählten. Geschichten, die er nie erfahren würde und doch so gerne hören wollte. Auf die Eine, aus welchem die Bezeichnung Verräterin zum ersten Mal geboren worden war, zeigte Akemi keinerlei Reaktion. Stattdessen suchten ihre Lippen wieder die Pfeife.
    Er wollte etwas sagen, da hörte er bereits näher kommende Schritte einiger Stiefel über die unebenen Pflastersteine der Straße.
    „Sie kommen“, flüsterte er.
    Der glühende Kopf der Pfeife wurde behutsam gelöscht und beide griffen nach ihren Schwertern. Die Klingen waren mit Ruß geschwärzt worden, damit sie kein Licht reflektieren würden. Akemi strich ihren schalenförmigen Strohhut vom Kopf, so dass an ihrem Rücken hing und schritt an den Rand des Daches. Er tat es ihr gleich, während er aufmerksam die Gruppe beobachtete, wie sie sich in die enge Gasse drängte. Diese Gelegenheit hatte sorgfältige Planung in Anspruch genommen. Viele Gefallen musste er erweisen, die nicht nur Münzen verlangten, sondern auch seine Fähigkeiten. Wie den Lauf eines Flusses durch Dämme zu ändern, so hatte er geschafft, dass diese Menschen hierher geleitet wurden.
    Sobald jeder von ihnen dicht aneinander stand, gab er das Zeichen zum Zuschlagen. Geübt ließen sich beide je vorne und hinter der Gruppe in die Gasse fallen. Schockiert wurde ein Befehl gebrüllt, doch das Morden hatte bereits seinen Anfang genommen. Seine Hiebe waren kraftvoll und besaßen nicht so ein gezieltes Geschick wie das von Akemi, aber es erfüllte seinen Zweck und das war entscheidend. In die Enge getrieben, brach eine Panik aus, die Treue und Mitgefühl vergessen ließ. Menschen, die noch vorher in einem kameradschaftlichen Miteinander kämpfen würden, stachen und stießen nun auf ihre Gefährten ein, um ihr Überleben zu sichern. Dennoch gab es keinen Ausweg und ihre Schwerter fanden schnell die Herzen und Kehlen ihrer Opfer, die verzweifelt versuchten zu fliehen. Wie erwartet, dauerte es nicht lange und wenige Herzschläge später standen beide inmitten von Leichen. Einigen fehlten ihre Hände, die entschlossen gewagt hatte, zur Verteidigung nach ihren Waffen zu greifen.
    Akemi reinigte bereits ihr Schwert an der Kleidung von einer der Leichen, als er zu der rubinrot lackierten Kiste schritt, welche die Gruppe mit sich geführt hatte. Ohne Probleme öffnete er das Schloss und erlangte unter einem Haufen von Silbermünzen verborgen seine Hoffnung auf sorgenfreie Tage, die weit weg von dieser verkommenen Stadt lagen.
    Das Silber hatte für ihn keinen Wert und so bedeutete er Akemi, dass sie davon Gebrauch machen durfte. Immerhin war es der versprochene Preis für ihre Dienste. Doch anstatt ihr Geld anzunehmen, begann sie wieder auf das Dach zurückzukehren, von welchem sie ihren Angriff ausgeübt hatten.
    „Warte“, rief er ihr hinterher, „Du vergisst deine Belohnung.“
    Er merkte, dass sie zögerte. War es ein Gedanke oder hatte sie beim Aufstieg keinen richtigen Halt gefunden? Intuitiv wollte er ihr nachsteigen und ihr in die Augen sehen, was sie zu bewegt hatte, nicht das zu nehmen, was ihr rechtmäßig zustand. Er ließ seine Klinge in die Scheide verschwinden und fasste den Entschluss, ihr hinterher zu klettern.
    Plötzlich hörte er ihre verhängnisvollen Worte.
    „Du bist meine Belohnung, Hayato der Falke.“
    Das Blut in seinen Adern wurde zu Eis.
    Nur eine Person kannte seinen wahren Namen. Ein Name, den er vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ließ, damit er dem Zorn einer Frau entkommen konnte. Ihr Hass nahm die Geräusche vieler kleiner, flinker Füße an, die aus den Schatten heraus auf ihn zu jagten. Wie eine Flut, die den standhaften Widerstand eines Dammes mit ihrer Masse zum Bersten gebracht hatte, so wuchtete eine unüberschaubare Zahl in die Gasse in seine Richtung. Hayato suchte die Dächer als Rettung. Das verärgerte Quieken der Ratten begleitete ihn, während er wie schon so oft ein Gebäude zur Flucht erklomm.
    Seine Finger krallten sich an den Dachsims und er wollte sich gerade hinaufziehen, da bemerkte er das kupferne Augenpaar. Einem Richter gleich stand sie über ihm und in diesem Augenblick wusste Hayato, dass sie bereits ihr Urteil gefällt hatte. Zögernd aus der Furcht vor seinem kommenden Ende löste er seinen Griff und ließ sich fallen.
    So wurde der Falke, der viele Jahre den Schutz des Himmels genutzt hatte, von seiner Beute niedergerungen bis nichts mehr übrig blieb, was von seiner Existenz erzählen würde.
    Viele Meter unter ihm lachte die Prinzessin. Ihr düsteres Lachen hallte durch die feuchten, schmierigen Gänge der Kanalisation als die grausame Antwort auf eine ersehnte und nun erfüllte Rache aus einer Vergangenheit mit einer Geschichte.
    Einer Geschichte von Verrat.

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