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  1. #1
    Landstreicher Avatar von Djenalýz
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    Standard Das Warten der Vergessenen

    Das Warten der Vergessenen


    Leicht kräuseln sich die Vorhänge im Wind, vollführen einen kleinen Tanz und in Annemarie wächst der Wunsch, es ihnen gleich zu tun. Der Balkon bietet einen fabelhaften Ausblick, denkt sie, während sie den Blick über die Dächer schweifen lässt, am Horizont kann sie den Strand erahnen. So viele schöne Erinnerungen verbindet sie mit diesem Anblick. Wie oft haben sie auf dem Balkon getanzt? Alte Bilder werden vor ihrem inneren Auge wach, welche ihre ineinander verkrampften Hände ein wenig lockern und sie zum Träumen einladen.
    An vielen Abenden wie diesen hatte er einfach einer ihrer Lieblingsschallplatten aufgelegt und sie zum Tanze gebeten. Dann hatten sie manchmal stundenlang im Sonnenuntergang oder Sternenhimmel getanzt, gelegentlich jedoch auch nur ein Lied lang. Anschließend lagen sie auf dem Bett und wurden zärtlich zueinander. In diesen Moment hatte sie sich selbst dann noch jung gefühlt, als ihre Gelenke längst schmerzten. Ob sie auch heute wieder über den Balkon schweben würden, bis sich die Nachbarn über die laute Musik beschwerten? Es erscheint ihr unwahrscheinlich, wartet sie bereits so lange auf seine Heimkehr. Und desto länger sie wartete, desto schwerer fällt es ihr, hier untätig zu sitzen. Nicht zum ersten Mal spielt sie mit dem Gedanken, bei der Polizei anzurufen. Wehe, er würde später ohne eine plausible Erklärung für seine Verspätung heim kommen!
    Dabei freute sie sich schon so lange auf diesen Tag. Sie hatte ihm extra seinen Lieblingskuchen gebacken, obwohl der Arzt beim letztem Besuch deutlich gemacht hatte, wie wichtig eine strenge Diät für Emil sei.
    Der Tisch war gedeckt, die Vase für die Blumen, welche er in den letzten 46. Jahren an diesem Tag immer mitgebracht hatte, war herausgesucht, das Haus duftete nach dem Schmorbraten. Freudig wartete sie auf ihn, aber er kam nicht, als die Uhr sechs schlug.
    Nach dem der Minutenzeiger eine halbe Runde hinter sich hatte, schob sie den Braten zurück in den Ofen, ärgerlich darüber, dass er nun ganz trocken werden würde. Als der kleine Zeiger dann die Acht berührte, war sie einfach nur noch wütend. Er hätte ja wenigstens anrufen können!
    Jetzt, knapp eine weitere Stunde später, sitzt sie verzweifelt auf ihrem Bett, Tränen standen ihr in den Augen. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Eine andere Erklärung fiel ihr nicht ein.
    Die Sonne zeigt sich an diesem Sommerabend nur noch als schmaler, oranger Streifen am Horizont, als die ersten Tränen fallen. Schwer seufzend wischt sie sich die Augen trocken und fährt sachte mit den Fingerkuppen über ihre von Alter sprechende Haut. Was ist, wenn er den Tag einfach vergessen hatte? In letzter Zeit vergaß er häufiger für sie wichtige Sachen oder kam spät nach hause.Auch die Tänze auf dem Balkon wurden weniger und weniger. Und Gespräche über die wirklich wichtigen Dinge sind Mittlerweile eine Seltenheit. Aber es geschieht ja auch nichts. Sie beide sind nun alt und hatten sich etwas Ruhe verdient. Zumindest dachte sie, dass sie darin miteinander übereinstimmten, dass sie eine unausgesprochene Zufriedenheit teilten. Kann sie sich getäuscht haben? Sucht er vielleicht da draußen nach einem neuem Abenteuer? Hat ganz vergessen, was für ein bedeutender, wichtiger Tag heute ist?
    Kindergeschrei im Garten reißt sie aus ihren Gedanken und sie sieht, dass die Sonne längst verschwunden ist, der Himmel fast dunkel. Unten hört sie jemanden mit den Kindern schimpfen. Sophie. Ihre liebe Tochter, die so viel für sie tut und der Meinung ist, dass ihre Eltern ihre Hilfe bräuchten. Um ihr die ständige Sorge zu nehmen hatten sie schließlich vor einiger Zeit angebaut. Der Anblick des Himmels erinnert sie an den Tag, an dem sie ihren Emil kennenlernte. Damals besaß er die gleiche Färbung wie heute.
    Sie saß mit einer Freundin in der überfüllten Eisdiele, in der Nähe des Strandes, als ein junger Mann auf sie zu kam und sie fragte, ob er und sein Freund sich zu ihnen setzen dürften.. Also waren sie etwas zusammen gerutscht und es ergab sich ein lockeres Gespräch zwischen den Jugendlichen. Vor allem den Freund des jungen Mannes fand Annemarie interessant. Hatte er doch so viele Geschichten zu erzählen. Manche waren ganz offensichtlich frei erfunden, andere hingegen erschienen ihr glaubhaft. Er redete über riesige Möwen, die einem am Strand das Eis klauen würden, oder von dem Obstladen seiner Eltern und den skurrilsten Kunden.
    So viele Zeiten hatten sie ab da miteinander verbracht. Manche waren so unbeschwert wie die Tänze auf dem Balkon gewesen, andere hingegen zäh und nicht enden wollend. Was hatte sie sich gefreut, als er sie genau ein Jahr danach in ein schickes, teures Lokal ausführte? Wochen musste er dafür gespart haben, schließlich verdiente er als Lehrling im Laden nicht gerade viel. Und wahrscheinlich hatte es Monate gedauert, bis er das Geld für den zauberhaften Ring zusammen hatte, den er ihr an diesem Abend schenkte. Überglücklich gab sie ihm dafür ihr "ja", als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle.
    Wie stolz sie heute noch darauf ist, dass sie aus Liebe heirateten, nicht wie so viele ihrer Freundinnen, weil sie schwanger waren. Doch eines hatte sie auf ihrer Hochzeit vermisst. So schön sie war, er weigerte sich vehement zu tanzen. Nicht einmal den Eröffnungstanz schenkte er ihr. Er tanze so schlecht, dass er das keinem würde antun wollen. Sie war sauer und enttäuscht gewesen! Wenigstens auf ihrer Hochzeit hatte sie sich einen einzigen Tanz erhofft.
    Am Abend, als alle Gäste verabschiedet waren, legte er jedoch ihre Lieblingsschallplatte auf und bat sie zum Tanz. Sicherlich hatte er gespürt, wie verletzt sie gewesen war, als er den Eröffnungstanz ablehnte. Und von diesem Abend an, hatten sie oft Stunden der Zweisamkeit mit Tanzen verbracht. Sie liebt das Gefühl seiner warmen Hand in der kleinen Kuhle ihres Kreuzes, sein nach Zigaretten riechender Atem, den er ihr entgegen haucht, wenn sie ganz eng beisammen über den Boden fliegen, der Moment in dem die Welt nur aus sie zwei besteht. Gab es vorher noch Zweifel, so waren sie nun weg gewischt. Ganz genau kann sie sich noch an seine zärtliche, warme Stimme erinnern, mit der er ihr Liebesschwüre ins Ohr flüsterte.
    Nach der glücklichen Zeit vor der Hochzeit brachen jedoch dunkle Wolken über sie herein. Finanzielle Probleme machten ihnen zu schaffen. Immer öfter kam es zum Streit zwischen ihnen, weil er sich einen anderen Job suchen sollte, aber vehement dagegen hielt, da seine Eltern auf seine Hilfe im Laden angewiesen wären. Sie selbst bemühte sich schon seit geraumer Zeit um eine Anstellung. Doch da sie keinen Abschluss besaß waren ihre Chance eine Stelle als Lehrmädchen zu finden sehr gering und sie fand lediglich einige Putzstellen. Kein Wort half; Emil behielt seine Einstellung, dass er es gar nicht erst in einen der großen Geschäftshäuser in der Stadt versuchen wolle.
    Am Ende des Ganzen erkrankte sein Vater so schwer, dass sie ihn zu sich holen mussten und Emil das Geschäft übernahm. Ab da ging es ihnen zwar wieder finanziell besser, doch emotional spannte sich ihre Beziehung noch einmal an, als ihr erst Geborenes am Kindstod starb. Stumm gab er sich selbst die Schuld dafür und distanzierte sich mehr und mehr von ihr und sie sich von ihm, langsam baute sich zwischen ihnen eine Art unbezwingbare Mauer auf.
    Die Tänze wurden immer seltener, die Abenden an denen sie gemeinsam zu Bett gingen, blieben fast gänzlich aus. Sie hatte längst die Hoffnung aufgeben, und es grenzt für sie nach wie vor an ein Wunder, dass sie von einer dieser Seltenheiten eine Frucht in sich trug. Ab da ging es endlich wieder bergauf. Er bemühte sich wieder, ein wohliges Zuhause für sie zu schaffen und kaufte vor der Geburt ihrer Tochter das kleine Haus, in dem sie nun auf dem Bett sitzt und auf ihn wartet.
    Ein Klopfen lässt sie zusammen zucken. „Emil?“ Hoffnungsvoll dreht sich Annemarie zur Tür, die sich langsam öffnet. Doch nur das Gesicht ihres einzigen Kindes erscheint im Türspalt.
    „Mutter? Was sitzt du denn hier ganz allein? Komm, unten gibt es Abendbrot.“
    Irritiert blinzelt Annemarie ihr Töchterlein an. „Warum Abendbrot? Du weißt doch, dass im Ofen der Braten wartet. Nur dein Vater fehlt.“ Ihre Stimme klingt rau, denkt sie. Rauer als früher, fast kratzig.
    „Was für ein Braten denn? Im Ofen steht nichts. Nun komm. Wir wollen bei dem schönen Wetter draußen auf der Terrasse essen.“
    „Natürlich steht da ein Braten! Ich habe ihn doch selbst zubereitet und du hast mir dabei geholfen! Also wirklich, Sophie! Du weißt doch, dass dein Vater und ich heute Hochzeitstag haben!“ Empört über das Verhalten ihrer Tochter richtet sich die Frau vom Bett auf und stemmt die Hände in die Hüften.
    Seufzend kommt der Blondschopf zu ihr herüber, um sie sachte an der Schulter zu nehmen und wieder aufs Bett zu drücken. „Ach Mutti... bitte fang' nicht schon wieder davon an, dass haben wir nun schon so oft durchgekaut. Du weißt doch, das Papa vor zwei Jahren gestorben ist...“


    Da es sich hier um eine Kurzgeschichte handelt, kommen die Kommentare bitte hier hinein. Dankeschön
    Geändert von Djenalýz (08.07.2012 um 20:33 Uhr)

  2. #2
    Na hast du Angst, Kleiner?! Avatar von Ironhide
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    Keine Ahnung warum ich nun den Gedanken hatte, bzw hab wenn ich es lese, aber mir schießt da immer das Bild eines Alzheimerpatienten in den Kopf, dem man jeden Tag aufs neue sagen muss, das sein Partner schon vor Jahren gestorben ist und für den Menschen es aber jedesmal wie das erste mal ist. Schrecklich.
    Nun gut, das ist nicht der Inhalt deiner Geschichte, hier wirds eher was anderes sein. Das Flüchten in eine bessere Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, wenn auch nicht immer rosig.
    Dennoch, es ist gut geschreiben, man kann es gut lesen und in einem Rutsch ist man durch damit. Ich habs auch wieder mehrmals gelesen ums n bissel wirken zu lassen, wie so oft ^^

    Im großen und ganzen gefällt es mir, konnte der Story gut folgen


    Master of Disaster


  3. #3
    Landstreicher Avatar von Djenalýz
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    Zitat Zitat von Ironhide Beitrag anzeigen
    Keine Ahnung warum ich nun den Gedanken hatte, bzw hab wenn ich es lese, aber mir schießt da immer das Bild eines Alzheimerpatienten in den Kopf, dem man jeden Tag aufs neue sagen muss, das sein Partner schon vor Jahren gestorben ist und für den Menschen es aber jedesmal wie das erste mal ist. Schrecklich.
    Vielleicht, weil genau das hier der Fall ist? Hätte ich jemanden wähle wollen, der vor der Realität flieht, so hätte ich den Tod nicht schon zwei Jahre zurückliegend beschrieben und jemanden gewählt, der keinen Rückhalt besitzt. Meine Protagonistin soll jedoch dennoch ein schönes Leben führe, eine Tochter haben, die sich liebevoll um sie kümmert etc. Deshalb ist das Bild von Alzheimer gar nicht falsch

    Es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat
    LG
    Lýz

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