Keixo, liebe Dörfler und Städtler!

Der eine wird sich an meine Vergessene erinnern, der andere nicht ... für mich ist sie auf jedenfall nicht in Vergessenheit geraten, so dass ich doch sehr dran herumgebastelt habe .. ichhoffe, zur Verbesserung.
Da sich nhaltsmäßig ein wenig was getan hat, poste ich das nun in einem extra Thread, auch damit man einen Vergleich zur Ursprungsversion ( http://lemrith.net/showthread.php?23...ner-Verlorenen ) anstellen kann.

Also, viel Spass beim Lesen,

LG
Lýz


Das Warten einer Vergessenen


Der Balkon bietet eine fabelhafte Aussicht, denkt Annemarie, während sie vom Bett aus den Blick über die Dächer wandern lässt, am Horizont kann sie den Strand erahnen. So viele Erinnerungen verbindet sie mit diesem Anblick. Leicht wehen die Vorhänge im Wind und vollführen einen kleinen Tanz, lassen ihn ihr den Wunsch keimen, es ihnen gleich zu tun. Sie seufzt und steht auf, um hinauszutreten, verkrampft umschließen ihre Finger das Balkongeländer.
Das alte Restaurant auf der anderen Straßenseite erinnert sie an damals, auch wenn es mittlerweile seinen Glanz verloren hat. Aber als sie es jetzt anblickt, sieht sie nicht den Schmutz auf den Scheiben oder die abblätternde Wandfarbe, sondern ihren Abend ...

Die Gäste waren bereits gegangen, die Band hatte schon lange aufgehört zu spielen. Nur Annemarie saß in dem großen Tanzsaal. Heute Morgen fühlte sie sich in ihrem Kleid wie eine Prinzessin, doch nun blieb nur noch die Erinnerung an dieses Gefühl. Jetzt empfand sie sich als unbedeutend.
Den gesamten Tag über hatte sie Emil um einen Tanz gebeten, aber nicht einmal den Eröffnungstanz schenkte er ihr. Immer wieder sagte er, er könne nicht tanzen und wolle sie nicht vor ihren Familien blamieren. Was für eine Ausrede! Schließlich hatte sie ihm vor der Hochzeit einen Tanzkurs angeboten. Aber nun war es ohnehin zu spät, die Feier vorüber. Damit musste sie sich abfinden. Doch die dünne Linie, welche ihre Lippen bildete, verriet, dass sie das nicht einfach tun konnte. Letztendlich hatte sie sich so auf diesen Tag gefreut und solch eine Kleinigkeit würde ihn verderben.
Annemarie schnaubte und machte sich zum Aufstehen bereit, als sie Musik hinter sich vernahm. Das Rauschen und Knistern sagte ihr, dass es von einer Schallplatte stammte. Daraufhin ließ sie ihren Blick durch den Raum gleiten, doch sie schien allein zu sein. „Darf ich die Braut um den letzten Tanz bitten?“
Annemarie schoss auf und wirbelte einmal um sich herum. Und da stand er, attraktiver denn je. Der Anzug maßgeschneidert, die Haare zurück gekämmt, die Hand ihr entgegen gestreckt. Ein kokettes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Wie unglaublich er an diesem Abend aussah, dieses Bild würde sie bestimmt nie vergessen.
Sie zögerte, doch wartete er gar nicht ihre Reaktion ab. Er nahm sie am Arm und zog sie mit sich auf die Tanzfläche. Sein Hochzeitsgeschenk war der erste gemeinsame Tanz in Zweisamkeit, von vielen Weiteren, wenn sie allein sein würde ...

Nach diesem Abend tanzten sie oft miteinander. Später, als sie in das Häuschen hier zogen, bevorzugt auf dem Balkon. Dann flogen sie im Sonnenuntergang dahin, bis nur noch das Sternenlicht übrig blieb. Ob sie auch heute über die Veranda schweben würden? Es erscheint ihr unwahrscheinlich, wartet sie doch bereits so ewig auf seine Heimkehr. Ob ihm etwas zugestoßen ist?
Nicht zum ersten Mal spielt sie mit dem Gedanken, bei der Polizei anzurufen. Wehe, er würde später ohne eine plausible Erklärung heimkommen!
Sauer schlägt sie auf die Brüstung und wendet sich ab. Nichts tut sie! Sicher kommt er in der Nacht nach Hause und wird ihr erzählen, dass er mit Freunden einen Trinken war. Bestimmt hatte er vergessen, welch ein Tag heute ist! Der Tisch ist gedeckt, die Vase für die Blumen, die er in den letzten 46 Jahren an diesem Tag immer mitgebracht hatte, steht bereit. Das Haus duftet nach dem Schmorbraten, der nun auch schon trocken sein würde. Die ganze Mühe umsonst!
Verärgert läuft sie durch den Raum, hin und her. Sie kann sich jetzt nicht mehr setzen, Wut packt sie. Am Liebsten täte sie schreien. Oh und das würde sie tun, wenn er die Tür hineinkäme!
Aber so war er ja schon immer! Kommt ihm etwas dazwischen, dann fällt ihm nicht ein, jemanden Bescheid zu geben. Ganz genauso war es damals ebenfalls gewesen. Sie kann sich deutlich daran erinnern.

Annemarie stocherte in ihrem Eisbecher herum. Wahrscheinlich würde sie sich gleich einen weiteren bestellen, nur um sich danach noch elender fühlen zu können. Aber vielleicht würden die Magenschmerzen sie ein wenig von ihrem Herzleiden ablenken.
Er war nicht gekommen. Dabei war er derjenige gewesen, der sie um dieses Rendezvous gebeten hatte. Nun gut, sie hatte schon lange darauf gewartet und die Angst, dass er es mit der Einladung nicht ernst meinen könnte, war nicht neu. Doch dass sich diese Befürchtung als berechtigt herausstellte ...
Zudem hatte sie auch noch ihren Freundinnen erzählt, mit wem sie verabredet war. Sicherlich würde man über sie lachen und sie daran erinnern, dass man sie ja gewarnt hätte, dass so jemand wie er bestimmt kein Interesse an ihr habe.
Mühevoll schluckte sie ihre Tränen hinunter und führte den letzten Eislöffel zu ihrem Mund. Es war Zeit, sich den nächsten Becher herauszusuchen.
„Entschuldigen Sie? Ist der Platz neben Ihnen frei?“
War das ein Zeichen, lieber auf das zweite Eis zu verzichten?
„Ich hatte gerade vor, zu bezahlen.“ Ohne sich zu dem Mann herumzudrehen, winkte sie der Kellnerin zu.
„Oh. Ich habe eigentlich auf ihre Gesellschaft gehofft. Sie sehen wundervoll in Ihrem Kleid aus.“
Sie wandte sich um und blickte den Herren an. Sein Haar trug er kurz, in seinen Augen eine Entschuldigung. „Es tut mir leid. Ich wollte schon früher kommen, aber Vater ist gestürzt und Mutter brauchte Hilfe im Laden. Ich kam nicht fort.“

Die Sonne zeigt sich an diesem Sommerabend nur noch als schmaler Streifen am Horizont. Die ersten Tränen fallen. Schnaubend wischt sie sich die Augen trocken und fährt mit den Fingerkuppen über ihre vom Alter gezeichnete Haut. So viele Jahre liegen zwischen der Erinnerung und dem Heute. Wie hatte sie je denken können, dass er sich in dieser Hinsicht ändert?! Sicher ... mit seinem Charisma überzeugt er sie bis heute davon, dass sie nicht lange auf ihn sauer sein kann. Und doch nimmt es ihr nicht den Schmerz. Vor allem dann nicht, wenn er solch einen Anlass vergisst. Aber nun ... in letzter Zeit versäumt er häufiger Dinge, die ihr am Herzen liegen. Und Gespräche über die wirklich wichtigen Angelegenheiten sind zur Seltenheit geworden. Na ja, es geschieht auch kaum etwas. Sie beide sind nun alt und haben sich die Ruhe verdient. Zumindest dachte sie, dass sie darin miteinander übereinstimmten, dass sie eine unausgesprochene Zufriedenheit teilen. Kann sie sich getäuscht haben? Sucht er vielleicht da draußen nach einem Abenteuer? Hat ganz vergessen, was für ein Tag heute ist?
Kindergeschrei im Garten reißt sie aus ihren Gedanken und mit einem Blick in den Himmel sieht sie, dass die Sonne längst verschwunden ist. Unten hört sie jemanden mit den Kindern schimpfen. Sophie. Ihre liebe Tochter, die so viel für sie tut und der Meinung ist, dass ihre Eltern ihre Hilfe bräuchten. Um ihr die ständige Sorge zu nehmen, hatten sie vor einiger Zeit angebaut. Annemarie setzt sich auf ihre Seite des Bettes und hebt das Bild der jungen Frau von ihrer Nachtkommode hoch.
Sophie besitzt viel Ähnlichkeit mit ihrem Vater, fällt ihr ein. Auch auf sie musste sie lange warten. Bei diesem Gedanken muss sie lächeln. Es war kein schönes Warten gewesen, aber dasjenige, welches sich am Meisten bezahlt machte.
Am Anfang, da hatten sie und Emil zueinander gesagt, dass so etwas Zeit bräuchte, dass man ja nicht wisse, ob es vielleicht gut war, dass sie sich mit dem ersten Kind noch gedulden mussten. Doch auch ein Jahr nach der Hochzeit war sie nicht schwanger geworden und die Kluft zwischen vergrößerte sich um jeden Tag.
Die Tänze wurden seltener, die Abenden an denen sie gemeinsam zu Bett gingen, blieben gänzlich aus. Sie hatte längst die Hoffnung aufgeben, und es grenzt für sie nach wie vor an ein Wunder, dass sie von einer dieser Seltenheiten eine Frucht in sich trug.
Ein Klopfen lässt sie zusammenzucken und sie stellt das Bild zurück. „Emil?“ Hoffnungsvoll richtet Annemarie ihren Blick zur Tür, die sich langsam öffnet. Doch nur das Gesicht ihres einzigen Kindes erscheint im Türspalt.
„Mutter? Was sitzt du denn hier ganz allein? Komm, unten gibt es Abendbrot.“
Irritiert blinzelt die Mutter ihre Tochter an. „Warum Abendbrot? Du weißt doch, dass im Ofen der Braten wartet. Nur dein Vater fehlt.“ Ihre Stimme klingt rau, denkt die Vergessene. Rauer als früher, fast kratzig.
„Was für ein Braten denn? Im Ofen steht nichts. Jetzt komm. Wir wollen bei dem schönen Wetter draußen auf der Terrasse essen.“
„Natürlich steht da ein Braten! Ich habe ihn doch selbst zubereitet und du hast mir dabei geholfen! Also wirklich, Sophie! Du weißt ganz genau, dass dein Vater und ich heute Hochzeitstag haben!“ Empört über das Verhalten ihrer Tochter richtet sich die Frau auf, stemmt die Fäuste in die Hüften.
Langsam kommt Sophie auf ihre Mutter zu, nimmt sie sachte an den Schultern. Ihre Stimme klingt nun sanft, fast schon beschwichtigend. „Mutti ... Vati wird nicht kommen. Na ja, er ist vor drei Jahren ... Er war doch so krank ... Komm, lass uns runter gehen, ja?“
Zögernd macht Annemarie einen Schritt zurück, sodass die Hände ihrer Tochter von ihr gleiten, Unsicherheit huscht über ihr Gesicht. Doch als sie auf den Balkon tritt, ist ihr Gang wieder fest und sicher. „Ach Sophie ... dein Vater hat mich hier vergessen. Aber er wird kommen. Er wird kommen und dann werden wir bis in die Nacht tanzen.“Tränen glitzern in ihren Augen. Als ihre Hände dieses Mal die Brüstung umfassen, ist der Griff locker, fast zärtlich. In ihrem Blick gen Himmel liegt etwas, dass die junge Frau innehalten lässt. „Alles Gute zum Hochzeitstag, mein Schatz.“