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Thema: Nightmares

  1. #1
    Na hast du Angst, Kleiner?! Avatar von Ironhide
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    Beitrag Nightmares

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    Boston
    22.Oktober 2007
    23:15 Uhr

    Durch das Fenster klangen dumpf die Geräusche der kalten, stürmischen Herbstnacht. Der Regen peitschte unaufhörlich gegen das Glas und der Wind pfiff selbst durch die kleinste Ritze.
    Wieder schlief sie unruhig. Die Decke war schon halb weggestrampelt, das Bettlaken total durcheinander. Julia schwitze und wand sich immer wieder hin und her. Das Kissen lag schon neben dem Bett und ihr Pyjama saß auch kaum noch so, wie er es sollte. Sie murmelte irgendwas Unverständliches aber da sie alleine in dem Zimmer war, hörte es sowieso keiner.
    Dann richtet sie sich auf, hastig und erschrocken, war hellwach, der Schrei allerdings, blieb ihr in der Kehle stecken, denn ihr Mund und ihr Hals waren zu trocken dafür.
    Die Augen weit aufgerissen und voller Angst, ihr Herz klopfte wie wild und sie zitterte. Einen Moment lang wusste Julia nicht, wo sie war, wusste nicht, wer sie war. Dann dämmerte ihr es.
    „Ein Traum…“, sie versuchte sich selbst zu beruhigen „… nur… ein Traum. Ein Alptraum.“
    Aber so schlimm wie heute, war es schon lange nicht mehr gewesen. Was sie im Traum so erschreckt hatte, das wusste sie nicht mehr…

    Julia kletterte aus ihrem Bett, völlig verschwitzt. Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, ihr lief der Schweiß über die Haut und ihre blonden Haare klebten ihr im Nacken und an der Stirn. Ihren Pyjama pappte ihr stellenweise auch am Körper. Mit ihrem Teddy im Arm, den sie schon solange hatte, wie sie denken konnte, trat Julia aus ihrem Zimmer heraus. Das erste was sie hörte, waren die stumpfen Laute aus dem Wohnzimmer, die Julia nicht verstand. Es war irgendeine Show im Fernseher. Sie bewegte sich auf das Wohnzimmer zu. Ihre Mutter würde nicht zu Hause sein, das wusste Julia bereits jetzt schon. Ihre Mutter würde wieder bis spät in die Nacht arbeiten müssen, aber Ihr Vater war sicherlich da. Bestimmt war er vor dem TV Gerät eingeschlafen, wie schon so oft.

    Julia durchquerte denn langen, dunklen Flur und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Dort sah sie ihren Vater, der tatsächlich wieder vor dem Fernseher auf dem Sofa eingenickt war. Julia ging auf ihn zu, nun schon den Tränen nahe und rüttelte ihn wach. Das ging recht einfach, denn ihr Vater hatte einen sehr leichten Schlaf.
    „Papa… wach auf! Papa!!“, schluchzte Julia.
    Obwohl er seine Tochter nicht gleich sah, erkannte er sie sofort an der Stimme. Auch was der zwölfjährigen passiert war, hatte er gleich erkannt.
    „Hey mein Schatz, wieder ein Alptraum? Alles in Ordnung?“
    Natürlich war es das nicht. Schnell erkannte er den Zustand, in dem sich seine Tochter befand. Schon lange nicht mehr, sah sie so gequält aus wie heute.
    Julia hatte es die ganze Zeit geschafft ihre Tränen zu unterdrücken, doch jetzt begann sie zu weinen. Jede Nacht hatte sie Alpträume, wirklich jede.
    „Komm her mein Engel, Papi ist da.“
    „Es… es tut… weh… es tut so schrecklich weh… mach das es aufhört, Papa…“
    Der Mann nahm seine Tochter in die Arme, streichelte ihr über die Stirn und lächelte sanft. Er hoffte, dass sie nicht merken würde, wie hilflos er doch war. Julia ließ nun ihren Gefühlen freien Lauf. Sie vergrub ihr Gesicht in dem Hemd ihres Vaters, schluchzte und weinte nun nur noch. Selbst Julia war erschrocken über den Traum, mehr als sonst. Die Träume waren immer ähnlich.

    Allerhand Hiebe prasselten auf Julia ein, eine flache Hand schlug ihr ins Gesicht, Tritte folgten und Schläge mit Holzlatten knallten immer wieder auf ihren Kleinen, so geschundenen Körper.
    Sie wurde an den Haaren gezogen und immer wieder quer, durch den kalten Raum geschleudert. Sie heulte, kreischte schrecklich, aber ihre Peiniger interessierte das herzlich wenig.
    Die Männer misshandelten das kleine Mädchen immer und immer wieder. Ihr dünnes Sommerkleid, was sie trug, schütze sie nicht im Geringsten vor den Prügelattacken.
    Das kleine Sommerkleid, was normalerweise eine schönes, leuchtendes Weiß hatte, war dreckig. Es strahlte nicht mehr sonder war übersät mit Blutflecken und kleinen Rissen. Schon längst war das Kleid überall löchrig.
    Tränen, die über ihre kleinen Wangen liefen, brannten in den Wunden in ihrem sonst so niedlichen Gesicht. Aber das spürte Julia kaum noch. Irgendwann konnte sie nicht mal mehr schreien, war heißer vom vielen Heulen und Gekreische. Ihr linker Arm war ausgekugelt und zwei Finger an der rechten Hand waren gebrochen. So ließ man sie dann noch für eine Zietlang in dem engen, kalten Verließ verweile. Erst als sich die Tür öffnete und das Licht von draußen den Raum erhellte…


    An der Stelle wachte Julia immer auf. So oder so ähnlich liefen alle Träume ab Julias Körper schmerzte dann immer überall, als wenn sie diese Tortur selbst erfahren hätte. Aber wenn ihre Eltern dann den Körper ihres kleinen Engels betrachteten, war da nichts.
    Keine einzige Schramme.
    Julias Eltern machten sich große Sorgen um ihre Tochter. Erst vor zehn Jahren erfüllte sich ihr Glück mit einer Tochter. Als Julia zwei Jahre alt war, hatten sie sie adoptiert. Sie waren glücklich darüber und schlossen die kleine sofort ins Herz und auch Julia war froh über ihre Adoptiveltern. Sie hatte eigentliche ein sehr zufriedenes Leben, gute Freunde und aufopfernde Eltern, die sich immer liebevoll und fürsorglich um sie kümmerten. Sie wusste auch schon sehr früh, dass sie adoptiert war. Das störte Julia aber nicht weiter, verstand sie auch noch nicht so recht, was das hieß.
    Eigentlich war ihr Leben perfekt, wenn da nicht diese ständigen Alpträume wären. Julias Eltern waren verzweifelt, hatten sie ihre kleine Tochter doch schon zu diversen Ärzten und Wunderheilern gebracht, aber nichts half. Egal was sie taten, nichts konnte Julia die nächtlichen Alpträume nehmen. Wie lange sie diese Alpträume schon hatte, wusste man nicht, aufgefallen sind sie das erste Mal, als Julia 4 Jahre jung war.

    Ein paar Wochen später

    Sie hatte schon seit fast zwei Nächten nicht mehr geschlafen. Auch die Abende davor waren alles andere als erholsam gewesen. In der Schule war es dann endgültig vorbei, Julia war zusammengebrochen, die Lehrer wussten um die Krankheit die das zwölfjährige Mädchen plagte, auch wenn es den Eltern schwer fiel, ihnen das zu sagen.

    Sofort wurde Julia ins Krankenhaus gebracht und die Eltern informiert. Dort erfuhren sie dann, dass ihre Tochter wegen Schlafmangel bewusstlos geworden. Ansonsten war sie körperlich völlig unversehrt. Aufgrund der medizinischen Vorgeschichte entscheid man das Mädchen über Nacht im Krankenhaus zu behalten. Julias Mutter hatte sogar extra den Teddy von zu Hause ins Krankenhaus gebracht.
    Irgendwann in der Nacht, es war wohl so gegen halb Eins, schrillte eine kleine Alarmsirene im Bereitschaftsraum des Diensthabenden Stationsarztes auf. Dieser lag grad auf einer Liege und döste vor sich hin, war aber sofort hellwach und sputete sich um aus dem Zimmer zu kommen. Glücklicherweise war sein Aufenthaltsraum nur ein paar Meter von der Station entfernt. Eine der Schwestern hatte den kleinen Knopf gedrückt, der in dem Ruheraum des Arztes die Sirene auslöste. Zwei andere Schwestern waren schon in dem Krankenzimmer, aus dem man das Piepsen der medizinischen Geräte zu Hören war. Auf halben Weg gab ihn schon eine weitere Schwester die nötigen Informationen, so dass sich der Arzt schon mal ein Bild machen konnte was los war. Keine 6 Sekunden nachdem die Geräte in ihrem Zimmer Alarm schlugen, war Julia von Schwestern umringt, als dann auch endlich der Arzt dazukam. Leider brachte es nichts. Um 0:38 Uhr, nach endlos langen Minuten der Reanimationsversuche, konnte der Stationsarzt nur noch den Tod feststellen.

    Herzstillstand.

    Julias Eltern waren am Boden zerstört, ihre kleine Familie entzweit. Man sagte ihnen, dass man es sich nicht erklären könne, warum das eigentlich so kräftige Herz der Kleinen einfach stehen geblieben war. Im Krankenhaus sorgte der Fall für jede Menge Gerede unter den Ärzten. Einige behaupteten, dass Julia vor Schreck gestorben wäre, aufgrund ihrer Alpträume, was andere wiederum für völligen Blödsinn hielten. Endgültig klären konnte man es jedoch nicht. Julias Eltern hingegen war das mehr oder weniger egal, es war für sie schon schlimm genug. Sie musste nun ihre zwölf Jahre alte Adoptivtochter begraben, was mehr als grausam war. Nächsten Monat hätte sie Geburtstag gehabt. Nun aber wurde sie drei Wochen vorher beerdigt.

    Den Eltern blieb nur der Teddy, den ihre Tochter so geliebt hatte.

    ---------------------------------------------------------
    -Ende Prolog-
    -Forstetzung folgt-
    Geändert von Ironhide (29.07.2011 um 14:44 Uhr)


    Master of Disaster


  2. #2
    Na hast du Angst, Kleiner?! Avatar von Ironhide
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    Boston
    09. Januar 2008
    09:33 Uhr

    Murry saß an seinem Schreibtisch, die Akten des letzten Falls noch mal durchgehend, als sein Kollege mal wieder unaufgefordert den Raum betrat.
    Die beiden waren schon lange Partner beim FBI.
    „Kannst du nicht anklopfen, Frank?“
    „Doch kann ich, aber dafür bin ich zu faul. Kannst du dich noch an die Geschichte, draußen auf dem alten Landsitz von Sid Kramer erinnern?“
    „Klar kann ich…“

    Und wie Murry das konnte. Immerhin war der Fall nicht nur in der lokalen Presse bekannt, nein er war es in den ganzen Staaten, sogar über die Landesgrenzen hinaus.

    Das FBI hatte Mitte November einen alten Landsitz gestürmt, nachdem sich der Verdacht auf Drogen und Waffenhandel versteift hatte. Was sie dann allerdings zu sehen bekamen war um einiges schlimmer.
    In der Villa wurden Mädchen, im Alter zwischen vier und vierzehn Jahren gefangen gehalten und misshandelt. Insgesamt waren es elf Mädchen. Man gab sie später natürlich in psychologische Betreuung. Alle Mädchen hatten teilweise mehrfache Knochenbrüche, zugeschwollene Augen, aufgeplatzte Lippen und Platzwunden am Kopf. Sie waren abgemagert und ängstlich, trauten sich kaum mal mehr zu weinen. Die beiden ältesten Berichteten sogar von Vergewaltigungen, die an der Tagesordnung waren. Noch am Tatort erzählten sie schon, was für Grausamkeiten sie erleiden mussten. Am schlimmsten traf es immer Sarah. Als Murry fragte, wo denn Sarah sei, zeigten die Mädchen nur auf eine alte Matratze die in der dunkelsten Ecke im Raum lag. Ein leichtes Wimmern war zu hören, als er sich der schon schimmligen Schaumstoffmatratze nährte. Er beugte sich hinunter, zog die Decke leicht zur Seite und erschrak.
    So was Schreckliches hatte er noch nie gesehen. Das kleine, zirka zwölfjährige Mädchen mit blonden Harren, welches nur mit einem ehemals weißen Sommerkleid bekleidet war, lag dort voller Blut, Urin und anderem Dreck, der nicht wirklich zu definieren war. Ihr Körper war übersät mit schlimmsten Spuren von äußerer Gewalteinwirkung. Eine heftige Beule am Kopf, die wohl auch stark geblutet hatte, war deutlich zu erkennen. Voller Angst, flehend sah sie Murry an, wieder weiter Quälereien erwartend.

    Schon abwehrend nahm sie ihre kleinen, völlig deformierten Händchen schützend vor ihren Körper, wohl wissend das das sowieso nichts bringen würde. Als Murry langsam seine Hand zu ihr ausstreckte, zuckte Sarah zusammen, schrie schon fast wieder. Irgendwie schaffte Murry es, das kleine Mädchen zu beruhigen und sie halbwegs davon zu überzeugen das sie nun sicher war und niemand ihr mehr was antun würde.
    Noch immer spukten ihm diese Bilder im Kopf umher. Murry besann sich wieder und schaute zu Frank.

    „Was ist denn damit… ich hatte gehofft die Bilder irgendwann wieder aus dem Kopf zu bekommen.“
    „Schau dir das hier mal an.“
    Sein Partner hielt ihm ein Blatt Papier hin, mit einem Foto. Das Papier war eine Sterbeurkunde, ausgestellt auf ein kleines Mädchen namens Julia, gestorben in der Nacht, einen Tag vor der Stürmung der Villa.
    „Ja und? Was soll ich damit?“
    „Sieh dir das Foto an.“

    Murry sah auf das Bild, brauchte aber einen Moment um zu realisieren, in wessen Gesicht er dort sah. Es war Sarah, das Mädchen was er aus der Villa eigenhändig herausgetragen hatte.
    „Was soll das?! Ist das ein schlechter Witz oder was?!“
    „Nein. Das Mädchen dort ist nicht Sarah, es ist ihre Zwillingsschwester. Sie brach während des Unterrichts zusammen, ungefähr zu der Zeit, als Sarah die schlimme Kopfwunde erlitt. Ich hab‘s auch nicht wahrhaben wollen, aber die beiden Mädchen sind eineiige Zwillinge. Ihre Eltern starben bei einem Autounfall, zwei Monate nach deren Geburt. Ein Kind kam ins Heim, das andere blieb seitdem verschwunden und wurde für Tot erklärt. Man verschwieg das bei der Adoption. Ich hab erfahren, dass Julia jede Nacht schlimmste Alpträume gehabt haben soll und mit Schmerzen am ganzen Körper aufgewacht ist. Die Träume und die Schmerzen die sie beschrieb, waren immer das, was uns Sarah bisher auch gesagt hatte. Verstehst du, Julia hat in ihren Träumen immer das gesehen und erlebt, was Sarah widerfahren ist. Sie war immer mit dabei und hat ebenso gelitten wie ihre Schwester! Und umgekehrt genauso. Sarah hat immer erzählt das sie Träume hatte über eine Familie, ein glückliches Leben und …“
    „Moment mal… wovon redest du?“
    „Du weißt doch, was man sich über Zwillinge sagt. Egal wie weit sie auch getrennt sein mögen, egal ob sie sich kennen, sie fühlen wie es dem anderen geht und wissen instinktiv ob er glücklich ist und sowas alles. Ich bin durch Zufall auf die Akte von Julia gestoßen und wurde stutzig, daher hab ich genauer reingeguckt. Todesursache bei Julia war Herzstillstand, obwohl sich die Ärzte da selbst nicht wirklich sicher sind. Also habe ich mir noch mal die Berichte durchgelesen, was Sarah in der letzten Nacht widerfahren ist. Sie hat berichtet, dass sie mit Elektroschocks misshandelt worden sei. Ich hab mir auch von beiden die medizinischen Daten geben lassen und das Labor hat nochmal alles verglichen. Dabei kam raus dass sie Zwillinge sind.
    Frag mich nicht wie, aber es scheint als habe sie diese Schocks an Julia weitergegeben, unbewusst, um sich selbst zu schützen. Was der Grund für den Herzstillstand war. Ich weiß, klingt völlig absurd und Unhaltbar...“

    „Das klingt, als hätten wir nun doch noch ein wenig Arbeit, oder worauf willst du hinaus, Frank?“ Murry sah seinen Partner etwas skeptisch an, aber er ahnte schon, was das bedeutete.
    „Worauf ich hinaus will ist, dass die kleine hier, Julia, immer gespürt und gewusst hat, was ihre Schwester erleiden musste. Und Sarah hat ihr wohl einen Teil der Schmerzen immer zukommen lassen. Andersrum hat Sarah immer die glücklichen Gefühle von Julia bekommen. Für die kleine muss das ein Alptraum gewesen sein wieder aufzuwachen. In ihren Träumen haben sie sich gekannt und haben sich ausgetauscht. So alles wären sie immer unzertrennlich verbunden gewesen…. Durch ihre Träume.“
    „Das ist interessant. Was ist mit Washington, wissen die bereits Bescheid?“
    „Allerdings, die sind informiert. Wir sollen der Sache auf den Grund gehen, zumal man denkt, dass es etwas mit der ganzen Sache zu tun hat. Es gab ein paar Ungereimtheiten, woher doch diese ganzen Kinder stammten, eventuell können wir dadurch herausfinden, wer diese Mädchen alle überhaupt sind.
    „Dann denke ich, sollten wir mit dem Eltern von Julia reden, bevor wir dem Waisenhaus einen Besuch abstatten. Noch schweigen sich ja Sid und seine Bande völlig aus, was sie dort oben getrieben haben.“
    Murry erhob sich, packte die Akten zusammen, verstaute sie in seinem Schreibtisch und schnappte sich dann seine Jacke, um endlich mit Frank zu der Familie von Julia zu fahren.

    Sie benötigten fast eine Stunde durch den Verkehr, bis sie endlich da waren. Ihnen öffnete eine Frau mit traurigen Augen, es war die Adoptivmutter von Julia, Nicole Silver.

    „Miss Silver?“
    „Ja, das bin ich. Wer sind sie?“ Der Ton von Nicole war monoton, man merkte ihr an das sie sich einsam fühlte, trotz ihres Mannes der sich um sie sorgte. Der Verlust von Julia hatte sie doch mehr getroffen als sie selber zugab. Leider war sie noch nie gut darin gewesen, ihre Gefühle zu verbergen.
    Murry holte seinen Dienstausweis vor und zeigte ihn ihr.
    „Ich bin Special Agent Murry Simpson und das ist mein Kollege, Agent Frank Conner. Wir würden gerne mit ihnen über ihre Tochter reden.“
    „Was wollen sie da reden, sie ist tot, lassen sie uns bitte in Ruhe“
    Nicole blieb ruhig, wirkte antriebslos. In ihren Worten steckte kaum Ausdruckskraft, klangen schon fast wie das monotone Geräusche einer gelangweilten Ansage auf einem Bahnhof, wenn ein Zug einfuhr.
    „Miss, es ist aber wichtig. Wussten sie, das Ihre Tochter eine Zwillingsschwester hat?“
    Endlich, eine Reaktion. Nicole schaute auf, sah Murry an und zu ersten Mal seit langen, sah man wie in ihren Augen sowas wie Leben zurückkehrt, wenn auch nur flüchtig.
    Sie bat dann doch die beiden FBI-Agenten an, in ihr kleines Haus zu kommen. Ihr Mann war nicht da, er würde erst in ein paar Stunden von der Arbeit kommen.

    Im Wohnzimmer angekommen, bat sie die beiden Männer Platz zu nehmen und fragte sie ob sie etwas zu trinken möchten. Beide verneinten, wollte sie sich nur kurz mit ihr Unterhalten.
    „Miss Silver, wir wissen, dass es nicht einfach ist, daher wollen wir sie wirklich nur kurz stören.“
    Während Murry begann, der Frau ein paar Fragen zu ihrer Tochter zu stellen, saß Frank ruhig da und lauschte dem Gespräch aufmerksam. Nebenbei sah er sich ein wenig um. Es war das typisches Haus einer amerikanischen Familie, zumindest für diese Verhältnisse. Murry erkundigte sich zuerst nach den Träumen von Julia, bisher kannte er ja nur das aus den Akten und wollte sich nun sein eigenes Bild machen. Aber Nicole erzählte nur spärlich davon, wollte nun doch mehr von Sarah wissen.
    „Sie sagten, meine Tochter hat noch eine Schwester?“
    „Ja, das stimmt. Wir sind durch Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Name ihrer Schwester ist Sarah. Wir fanden sie verwahrlost und schwer misshandelt im November bei einer Razzia.“
    Murry erzählte ihr nur das aller nötigste, ließ fast alle blutigen Details weg, damit müsse er die arme Frau nicht auch noch belasten.
    Von den Träumen und den Verbindungen zu Sarha durch die Träume, erwähnte Murry nur ansatzweise etwas, er wollte noch nicht zu viel Preis geben.
    „Wo ist Sarah jetzt?“, wollte Nicole wissen.
    „Sie befindet sich in psychologischer Behandlung, sie ist noch immer sehr, sehr ängstlich und verstört.“
    „Können sie mir sagen wo sie ist?“
    „Tut mir leid, Miss, das dürfen wir nicht.“
    „Verstehe.“ Nicole war sichtlich enttäsucht.
    „Sie können sich aber an die Staatsanwaltschaft wenden, vielleicht kann man ihnen dort weiterhelfen.“ Mehr konnte Murry wirklich nicht für sie tun. Nachdem er ihr alles gesagt hatte, was er ihr sagen konnte, fragte er sie nach der Adoption von Julia.
    Nicole erinnerte sich, den Tränen nun nahe, an den Tag als sie die Adoptionspapier unterzeichnet hatten und Julia endlich offiziell ihre Tochter war. Sie war an dem Tag so glücklich gewesen. Von einer Schwester erzählte man ihr nie etwas.
    „Miss Silver, ich bitte sie wirklich nur sehr ungern darum, aber dürften wir die Adoptionspapier sehen?“
    „Ja… ja natürlich. Einen moment, ich bringe sie ihnen.“ Nicole stand auf, ging zu einem Schrank und zog aus der Schublade eine dicke Mappe, wo alles Mögliche an offiziellen Unterlagen von Julia drin enthalten war und überreichte sie dann.
    „Hier ist alles drin.“
    „Dürfen wir das mitnehmen? Wir würden uns das gerne etwas genauer ansehen, Miss Silver.“
    Nicole zögerte etwas, immerhin war es das gesamte Leben ihrer Tochter, dann aber stimmte sie zu.
    „Ja, nehmen sie es mit.“
    „Danke Miss Silver, sie haben uns sehr geholfen. Die Unterlagen erhalten sie selbstverständlich schnellstmöglich wieder zurück.“

    Murry und Frank verabschiedeten sich kurz darauf von Nicole und fuhren davon. Kaum das sie außer Sichtweite waren, schnappte sich Frank die Akte und fing darin an zu blättern. Bei den Papieren über die Familienverhältnisse von Julia, die ebenfalls in den Unterlagen verzeichnet waren, lass er etwas genauer nach.
    „Mh, das Waisenhaus scheint wirklich nichts von der Zwillingsschwert gewusst zu haben, das ist äußerst merkwürdig.“
    „Du ahnst mal wieder etwas? Aber ja, das ist seltsam.“
    „Bevor wir dem Waisenhaus einen Besuch abstatten, will ich erst mal wissen, was es mit dem Unfall auf sich hat. Irgendetwas sagt mir, das hier nicht so ganz die Wahrheit steht.“
    „Schon möglich.“
    „Ich denke, dass wir hier auf mehr gestoßen sind, als uns lieb ist.“
    Murry lenkte daraufhin den Wagen wieder in die Richtung der FBI Außenstellen in Boston. Die Fahrt ging diesmal etwas schneller und kurz darauf fuhr der bullige Ford Expedition in das Parkhaus unter dem FBI Gebäude.
    Im Büro dann angekommen, machte sich Murry an die Unterlagen von Julia, um sie sich genauer an zu sehen.
    „Ich versuch mal was über das Waisenhaus heraus zu bekommen.“
    „Marvin soll uns die Infos über das Heim zusammen tragen, ich denke wir sollten noch heute dem Waisenhaus einen Besuch abstatten. Ich will nur noch die Sachen hier durchgehen.“
    Frank verließ darauf mit einem zustimmenden nicken das Büro, ging in das Großraumbüro und beauftragte den jungen Agent die nötigen Informationen über das Waisenhaus zusammen zu suchen.

    Murry hatte schnell die Informationen, die er haben wollte und begab sich dann mit den Unterlagen in der Hand zu seinem Kollegen, Frank.
    „Frank, wir können los. Und Marvin, ich benötige ein paar Kopien der Unterlagen hier. Die Originale gehen dann zurück an die Adresse hier.“ Murry schreib ihm nochmal die Adresse von Familie Silver auf und legte es dann Marvin auf den Schreibtisch.
    „Ja wird gemacht.“ Sofort begann Marvin mit seiner Arbeit.
    Kurz darauf saßen alle beide wieder im Wagen. Diesmal fuhr Frank. Als sie aus dem Parkhaus auf die Straße bogen, wollte dieser dann wissen, was Murry gefunden hatte.
    „Irgendwas bestimmtest entdeckt?“
    „Weiß ich noch nicht. Das wird uns hoffentlich der Heimleiter sagen können.“
    „Na dann. Aber vorher lass uns erst mal was zu essen holen, ist gleich Mittag.“
    „Burger oder Pizza?“
    „Pizza.“
    „Wundert mich nicht, Frank. Dann steuer mal den nächsten Laden an.“

    Eine Stunden später standen Murry und Frank vor dem Waisenhaus im Ortsteil Arlington. Eine junge Dame empfing die beiden. Nachdem sie sich ausgewiesen hatten, fragten sie nach dem Leiter des Heimes. Die junge Frau bat die beiden Agents sie zu begleiten und brachte sie zum Büro des Leiters.
    „Einen Moment bitte, ich sage ihm, dass sie ihn sprechen wollen.“
    „Tun sie das, Miss. Wir warten hier so lange.“
    Die Frau verschwand durch die Tür.
    Einen Augenblick später öffnete sie diese wieder und bat Murry und Frank ein zu treten. Der Leiter, Mr. Donald Dalgardo hätte nun Zeit für die beiden. Die Mitarbeiterin verschwand dann und ging ihrer Arbeit nach.
    Murry und Frank sahen sich unauffällig in dem Raum um. An der Seite standen einige Aktenschränke, darauf stapelten sich Kartons, in denen ebenfalls Akten lagen. Auf der anderen Seite des Raumes sah es kaum besser aus, selbst mitten Im Raum stapelten sich die Kartons. Scheinbar war das gesamte Büro voll damit.
    Mr Dalgardo stand auf, ging um seinen Tisch herum und empfing die beiden FBI Agents überfreundlich.
    „Guten Tag meine Herren. Tut mir leid dass hier so ein Chaos herrscht, im Keller gab es einen Rohrbruch und unser Archivraum steht unter Wasser. Nun, was verschafft mir den Besuch des FBI’s?“
    „Guten Tag Mr. Dalgardo. Ich bin Special Agent Simpson und das ist mein Partner, Agent Conner. Wir haben da ein paar Fragen an sie, bezüglich einer Adoption.“
    „Meine Herren, eins gleich vorweg, sie müssen verstehen, die Daten sind vertraulich. So ohne weiteres kann ich ihnen nichts sagen. Worum genau geht es denn?“
    Murry holte ein Foto von Julia hervor. Sie war dort, zusammen mit ihren Adoptiveltern zu sehen. Es war aus den Unterlagen, die Murry von Nicole bekommen hatte. Er hielt es dem Heimleiter hin, der sich das Bild nahm und ansah.
    „Erinnern sie sich an das Mädchen, oder vielleicht an die Eltern?“
    Mr. Dalgardo sah sich das Foto eine weile an, man sah ihm an, dass er nachdachte, aber er kam dann mit einem Kopfschütteln zu dem Schluss, das ihm alle drei unbekannt waren.
    „Tut mir leid meine Herren, aber das Bild sagt mir nichts. Das Mädchen kenne ich nicht und an die beiden anderen kann ich mich nicht erinnern. Hier tauchen immer wieder Paare auf, da vergisst man schnell die Gesichter und Namen.“
    „Die Namen der Eltern sind Nicole und Christopher Silver, adoptiert haben sie das Mädchen in einem Alter von zwei Jahren, hier bei ihnen. Ende November 1997 müsste das gewesen sein, kurz nach ihrem zweiten Geburtstag.“
    „Das tut mir leid, die Akten müsste ich erst mal suchen. Das ist wirklich schon Jahre her und beim dem Durcheinander hier… Sie sehen ja was hier los ist. Im November und grade Dezember haben wir immer sehr viele Adoptionen, die Menschen erfüllen sich ihren Kinderwunsch gerne zu Weihnachten, aber ich bin froh für jedes Kind, was wir in eine Familie abgeben können. Aber darf ich fragen, warum sie daran so interessiert sind?“
    „Nun, wir glauben, dass sie im Zusammenhang mit einigen Entführungen gibt, auch aus dem Jahr 1997.“ Aus irgendeinem Grund wollte Murry ihm nicht sagen, was es wirklich damit auf sich hatte. Er wollte zuerst abwarten, was ihm der Leiter selbst über Julia und vielleicht auch ihre Schwester sagen konnte.

    „Ah, ich verstehe. Und was hat dann diese Mädchen damit zu tun? Immerhin ist das schon lange her.“
    „Tut mir leid, das kann ich ihnen nicht sagen, laufende Ermittlungen, sie verstehen.“
    „Aber natürlich. Ich kann ihnen die Akte gerne raussuchen, Agent Simpson, aber das dauert eine Weile. Wie kann ich sie erreichen?“
    „Hier haben sie meine Karte.“ Murry kramte aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte heraus und überreichte sie dem Heimleiter.
    „Rufen sie mich an, wenn sie etwas gefunden haben.“
    Mr. Dalgardo nahm die Karte, blickte sie kurz an und begleitete Murry und Frank dann zur Tür.
    „Das mache ich. Meine Herren, entschuldigen sie mich, aber ich habe noch eine Menge zu tun. Sobald wir die Akte gefunden haben, rufe ich an.“ Mit einem freundlichen Lächeln, komplementierte der Heimleiter sie dann wieder aus seinem Büro und verabschiedete sich von den beiden Herren.
    Der Besuch bei dem Waisenhaus war eigentlich enttäuschend, aber nichts, womit die beiden Agents nicht auch gerechnet hätten.
    „Wirklich etwas Neues hat er uns auch nicht erzählt.“
    „Na ja, es ist Zehn Jahre her, es hätte mich mehr gewundert wenn er sich daran erinnern könnte. Lass uns zurück ins Büro fahren. Mal sehen ob Marvin schon was hat.“
    Murry seufzte.
    „Ich denke nicht, das er was gefunden haben wird, so schnell, aber was anderes können wir im Moment auch nicht machen.“ Murry startete den Wagen, setzte zurück und fuhr dann zurück ins Büro. Wie zu erwarten war, hatte Marvin noch nichts herausgefunden. Frank und Murry setzten sich darauf erneut an die Akten, von denen Marvin Kopien gemacht hatte, und sahen sie sich genauer an.

    Mehr konnten sie zur Zeit nicht machen.

    ---------------------------------------------------------
    -Ende Chapter 1-
    -Forstetzung folgt-


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  3. #3
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    Washington
    11. Januar 2008
    22:30

    Das Hauptquartier des FBI’s war groß, sehr groß. Unzählige Gänge an denen ein Büro an das andere grenzte. Aber um die Uhrzeit war es ruhig, sehr ruhig. Fast jeder der Mitarbeiter war schon zu Hause, nur die wenigsten arbeiteten noch.
    Im obersten Stockwerk lag das überaus geräumige Büro des FBI Direktors, indem noch Licht brannte. In einer Ecke des Raumes befand sich eine Sitzgruppe. Sie bestand aus zwei vornehmen, braunen Ledersofas und einem dazu passenden Tisch auf dem noch zwei Gläser, gefüllt mit Whiskey, standen. Daneben lagen ein paar Unterlagen. Auf eine der beiden Sofas saß der Direktor des FBI’s und auf der anderen hatte ein Senator des Kongresses Platz genommen. Sie unterhielten sich über den Fall in Boston. Der Senator selbst war es, der sich zu dem Direktor begeben hatte. Ein wenig verwunderlich war das schon, aber als der Senator erzählte warum er dies Tat, fragte der Direktor nicht mehr danach.
    „Senator, die Ermittlungen dauern noch an, wir haben leider noch nicht viele Ergebnisse. Aber unsere Agents vor Ort sind gute Männer, wie werden der Sache schon noch auf den Grund gehen.“
    „Das hoffe ich für sie, Direktor. Das Ganze fängt an langsam große Kreise zu ziehen und das gefällt mir nicht. Der Fall dauert schon zu lange.“
    Während er das sagte, hielt der Senator eine Akte in der Hand und blickte kaum von ihr auf. Es waren Auszüge aus den Personalunterlagen der beiden Agents, die in Boston tätig waren.
    Special Agent Simpson und Agent Conner.



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  4. #4
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    Boston
    13. Januar 2008
    10:15 Uhr

    Knapp eine Woche war ins Land gegangen, ohne nennenswerte Fortschritte. Auf die Unterlagen aus dem Waisenhaus warteten die beiden noch immer vergebens. Dafür aber hatte Marvin nun endlich Ergebnisse erzielt und diese hielten die beiden nun in den Händen.
    „Frank, hier ist der Bericht der Polizei bezüglich des Autounfalles. Sieh dir mal an was dort steht.“ Murry reichte Frank den Bericht rüber und wartete dann auf eine Reaktion.
    Nach kurzem Lesen zog Frank interessiert eine Augenbraue nach oben und las noch intensiver weiter. Nachdem er fertig war, sah er Murry an. Scheinbar hatten beide den gleichen Gedanken. In dem Bericht führte man Mr. Dalgardo als Zeugen auf, da er der Erste an der Unfallstelle war.
    „Wollen wir gleich los?“, wollte Frank wissen und hatte sich schon halb aus seinem Drehstuhl erhoben.
    „Könnte auch nur Zufall sein. Der Unfall ist nicht so weit von dem Waisenhaus entfernt gewesen.“
    „Sehr seltsamer Zufall, Murry. In seiner Aussage steht nichts von Sarah, die Nachbarn aber sagten, dass die Eltern mit Sarah gefahren seien, sie auf Julia so lange aufpassten. Wann also ist Sarah verschwunden?“ Frank runzelte die Stirn, langsam wurde das immer mysteriöser.
    „Das ist das große Rätsel. Laut Akte ist die Ermittlung eingestellt worden und Sarah wurde für tot erklärt. Das erklärt zumindest, warum kein Mensch das Mädchen gesucht hatte. Wer sucht schon ein Mädchen was für Tot erklärt wurde? Julia kam ins Waisenhaus und das Thema war erledigt. Wenn ich mir die anderen Akten so ansehe, bei nicht einem der Mädchen gab es jemals eine Vermisstenanzeige, bei den meisten wissen wir ja noch nicht einmal, wer sie wirklich sind. Das hier ist unsere erste heiße Spur.“

    Murry hatte gar nicht mal so Unrecht. In der Tat war das der erste verwertbare Hinweis, woher all diese Mädchen kamen, die man damals in dem Anwesen gefunden hatte. Die gesamte Bande, die man, wegen Waffen und Drogenhandel, in Zusammenarbeit mit dem ATF hochgenommen hatte, schien weitaus mehr zu sein, als ‚gewöhnliche‘ Kriminelle. Noch immer redete nicht einer und aufgrund der laufenden Ermittlungen, konnte man ihnen noch nicht den Prozess machen. Das öffentliche Interesse hielt sich noch in Grenzen, aber langsam spürten die beiden, dass das nicht mehr lange so bleiben würde.
    „Ich denke, wir sollten zuerst mit dem leitenden Ermittler von damals reden, bevor wir uns nochmal an Mr. Dalgardo und an die anderen Zeugen wenden.“
    „Die Zeugen von damals können wir vergessen. Aber den Officer werden wir mal einen Besuch abstatten. Lass uns gleich rüberfahren. Mal sehen, ob wir was in Erfahrung bringen können. Liegt eh auf dem Weg ins Waisenhaus.“ Murry und Frank nahmen sich ihre Mäntel und gingen dann aus ihrem Büro. Auf dem Flur lief ihnen Marvin über den Weg.
    Das kam Murry recht gelegen.
    „Marvin, gut, dass ich sie treffe. Sammeln sie mir alle Informationen zu dem Heimleiter, Mr. Donald Dalgardo zusammen. Möglichst schnell.“
    Marvin nickte nur und begab sich an die Arbeit, während Murry und Frank zum Bostoner Polizeirevier fuhren.

    Damals hatte ein noch unerfahrener und junger Beamter die Ermittlungen übernommen. Nun, 10 Jahre später, war er weitaus erfahrener und inzwischen im Drogendezernat.
    Sie erfuhren, dass der Fall damals so schnell abgeschlossen wurde, weil die Ermittlungen einfach ins Nichts führten. Der Polizist erinnerte sich zwar an den Fall, aber alle Einzelheiten hatte er auch nicht mehr im Kopf. Scheinbar war es so, dass die Familie der Zwillinge kein unbeschriebenes Blatt war. Die Mutter der beiden Mädchen war schon früh auf die schiefe Bahn geraten und hatte dutzende Anzeigen wegen aller möglichen kleineren Delikte, hauptsächlich Diebstahl. Ihr damaliger Freund, der zudem nicht mal der Vater der Zwillinge war, hatte ein ebenso langes Strafregistern eines typischen Kleinkriminellen. Mehrere Drogenvergehen, Diebstahl und Sachbeschädigung waren gang und gäbe.
    Auch erzählte der Polizist davon, dass die Zeugen am Unfallort alle sagten, dass dort kein Kind gewesen wäre. Das war eines der wenigen Details, an die sich der Beamte erinnern konnte, auch aus dem Grund, dass die Nachbarsfamilie, die auf Julia solange aufpasste, meinte, dass die Eltern mit Sarah losgefahren seien. Damals hatte es ihn doch stutzig gemacht, wenn auch nicht viel.
    Jedoch schenkte man ihnen wenig Beachtung. Die Nachbarn, die auf Julia aufpassen sollten, waren selber nicht viel besser als die Eltern der Mädchen. Man fand Julia weinend im Laufgitter, die Frau zugedröhnt in der Küche und der Mann ergriff sofort die Flucht, als die Polizei auftauchte. Dass man diesen Leuten dann wenig Glauben schenkte, war da wenig verwunderlich.
    Sarah jedenfalls blieb seitdem verschwunden, Julia kam in die Obhut des Jugendamtes und schließlich ins Waisenhaus.

    Nach dem eher sachlichen Gespräch verließen beide wieder das Revier und setzten sich in ihren Wagen. Frank startete den Motor und fuhr kurz darauf auf die vielbefahrene Straße.
    „Wir sollten uns nun um Mr. Dalgardo kümmern. Statten wir ihm doch mal einen Besuch ab.“
    „Keine schlechte Idee, ohne die Unterlagen aus seinem Waisenhaus kommen wir sowieso nicht weiter. Fahr über das Industriegebiet, die Innenstadt ist die Hölle um die Zeit.“ Murry kannte den Verkehr hier zu gut, es war kein Geschenk. Über den Umweg durch das Industriegebiet kamen sie wirklich schneller voran und fuhren nach einer halben Stunde auf das Gelände des Waisenhauses und parkten vor der Tür.
    Wieder empfing sie eine Dame, wie auch beim ersten Mal.
    Diesmal ergriff Frank zuerst das Wort.
    „Ma‘am, wir würden gerne mit Mr. Dalgardo sprechen.“
    Die Frau entschuldigte den Heimleiter daraufhin.
    „Tut mir leid, der ist nicht da, schon seit ein paar Tagen. Ich weiß nicht, wo er ist.“
    Frank ließ aber nicht locker und bohrte nach.
    „Wissen Sie, wo er ist? Hat er vielleicht etwas für uns dagelassen?“
    „Nein, tut mir leid. Er ist gleich nachdem Sie das letzte Mal hier waren eine halbe Stunde später verschwunden. Er sagte nur, er hätte da etwas ganz Wichtiges zu erledigen und er würde sich in ein paar Tagen melden.“
    „Und er hat Ihnen nicht gesagt, wohin er geht?“
    „Nein, Sir.“
    Frank sah daraufhin zu Murry und erkannte, dass er das Gleiche dachte. Hier war was faul!
    „Ma‘am, wir werden uns mal in dem Büro von Mr. Dalgardo umsehen, wen Sie nichts dagegen haben.“
    „D-das geht aber nicht so einfach…“ Die junge Dame war sichtlich verunsichert und wusste nicht so recht, ob sie die beiden Herren in das Büro lassen sollte oder nicht. „Ha-haben Sie denn einen Durchsuchungsbefehl?“
    Innerlich fing Frank an zu fluchen. Natürlich hatten sei keinen und natürlich würden sie so ohne weiteres, nur wegen eines vagen Verdachtes auch keinen bekommen.
    Nun sprach auch Murry zu der jungen Frau.

    „Nein, wir haben keinen Durchsuchungsbefehl. Wir würden uns aber dennoch gerne in dem Büro umsehen. Natürlich nur mit Ihnen zusammen, Ma‘am.“
    „Das geht aber leider nicht!“, gab die junge Frau sichtlich nervös von sich. Sie wusste nicht recht, was zu tun war. Sie wollte nur keinen Ärger haben, weshalb sie auch Murry und Frank nicht in das Büro lassen würde.
    „I-ich hab noch so viel zu tun und kann gar nicht bei Ihnen bleiben und der stellvertretende Leiter ist zurzeit zu einem wichtigen Termin beim Jugendamt.“
    „Okay, Ma‘am. Ich geb Ihnen meine Karte. Sobald der Stellvertreter von Mr. Dalgardo wieder da ist, soll er sich umgehend bei mir melden.“ Murry reichte der jungen Frau die kleine Visitenkarte. Ihr konnte er keinerlei Vorwurf machen, sie war einfach nur nervös.
    Unverrichteter Dinge mussten die beiden also wieder das Feld räumen.
    „Ich richte es ihm aus…“, sie blickte kurz auf die Karte, „Agent Simpson.“
    „Danke Ma‘am. Schönen Tag noch.“
    Murry und Frank gingen daraufhin wieder zu ihrem Wagen. Kaum, dass sie im Auto saßen, schlug Frank auf das Lenkrad.
    „Verflucht noch eins! Der hat sich aus dem Staub gemacht!“
    „Ruhig Blut, Frank, fahr los.“
    Murry griff daraufhin zu seinem Mobiltelefon und wählte die Nummer des Büros. Nach kurzem Freizeichen meldete sich einer der Mitarbeiter.
    Murry gab sofort die Order raus, nach Mr. Dalgardo zu fahnden. Dass er so Hals über Kopf verschwunden war, ließ das Ganze immer verrückter werden. Nachdem er aufgelegt hatte, wandte er sich erneut Frank zu.
    „Wir sollten mal bei ihm zu Hause vorbeischauen, obwohl ich bezweifle, dass er dort sein wird.“
    „Hast du die Adresse?“
    „Moment.“ Murry zückte nochmals sein Handy und erfragte die genaue Adresse, die er sofort an Frank weitergab. Kurz darauf parkte der schwere SUV der beiden vor dem Haus und wie erwartet war niemand da. Das Klopfen an der Tür lockte aber einen Nachbarn hervor.

    „Donald ist nicht da!“
    Murry und Frank drehten sich in die Richtung, aus der die Rufe kamen.
    „Können Sie uns sagen, seit wann er weg ist?“
    „Und wer will das wissen?“ Der Mann, der dort in der Tür seines Hauses stand, war etwas misstrauisch gegenüber den Fremden, die dort mehrmals an die Tür klopften.
    „Special Agent Simpsons, FBI.“
    „Man, ihr wart doch schon vor 3 Tagen hier, da war er auch nicht da.“
    Murry und Frank sahen sich verwundert an. Sie wussten sehr genau, dass keiner vom FBI bei Dalgardo zu Hause war, denn bisher gab es dazu überhaupt keinen Anlass. Nun schon.
    „Sir, wissen Sie noch, welcher Agent hier war?“ Murry und Frank waren inzwischen die eine Tür weiter gegangen und standen nun auf der Veranda des Nachbarhauses.
    „Keine Ahnung, war so‘n großer Glatzkopf.“
    „Den Namen, wissen Sie den noch?“
    „Irgendwas mit S… glaub Stone, Stanley, Smith… wie er eben ständig vorkommt. Sie müssten doch ihre Agenten besser kennen als ich.“
    „Ja, danke Sir. Dann wissen wir wen wir fragen müssen. Eins noch, hier ist meine Karte. Bitte melden Sie sich bei mir, wenn Mr. Dalgardo auftaucht.“ Murry überreichte auch dem Mann seine Karte. Der nahm sie, steckte sie gleich ein und verabschiedete sich dann von den beiden.
    „Okay. Schönen Tag noch.“
    Dann schloss er die Tür von innen wieder und ging seinen alltäglichen Aufgaben nach.
    Murry und Frank gingen zu ihrem Wagen, wieder setzte sich Frank ans Steuer. Beide wussten sie, dass in dem Bostoner Büro kein solcher Agent arbeitet. Es gab keinen Glatzkopf bei ihnen.

    „Okay, wir haben ein Problem. Wir brauchen einen Durchsuchungsbefehl für das Waisenhaus und für seine Wohnung.“ Murry griff zum Handy und rief nun bei seinem Vorgesetzten an, schilderte die neusten Ergebnisse und was er, am besten sofort, benötigte. Auch das mit dem angeblichen FBI Agenten schilderte er. Sein Boss versprach, sich sofort darum zu kümmern.
    Und tatsächlich, nicht mal 20 Minuten später meldete sich sein Vorgesetzter wieder.
    „Ja, wir warten hier. Danke.“
    Frank sah Murry an und wartete darauf, von dem Ausgang des Gespräches zu erfahren.
    „Er schickt uns noch ein Team zur Verstärkung, mitsamt Durchsuchungsbefehl. Und zwei weitere Teams sind auf dem Weg zum Waisenhaus.“
    „Das ging ja mal fix.“
    „Es scheint, dass die Herren in Washington schon Druck machen und sich das zur Abwechslung mal auszahlt. Wann ist das Team da?“
    „15 Minuten. Wir warten hier. Wer weiß, was sich noch so tut.“

    Natürlich passierte nichts mehr, bis die restlichen Einsatzkräfte unter Blaulicht vorfuhren. Der Großteil war dabei von der Bostoner Polizei. Zusammen mit diesen Leuten gingen Murry und Frank erneut zur Tür. Nochmals klopften sie, sagten, dass sie einen Durchsuchungsbefehl hätten und reinkommen würden. Nicht, dass die beiden eine Antwort erwarteten, aber es gehörte nun mal dazu. Die Standartprozedur um sich abzusichern. Kurz darauf öffnete ein Schlüsseldienst die Wohnung. Der Mann war vom Fach, er benötigte knapp zehn Sekunden und die Tür war offen, ohne größere Schäden davon zu tragen. Sofort drangen Murry und Frank ein und hinter ihnen strömten fast 12 Uniformierte und 4 weitere FBI-Agenten, die mit dem Fall vertraut waren, in das Haus und begannen sofort mit der Arbeit. Während einige nach oben gingen, sahen sich Murry und Frank, mit zwei weiteren Beamten, zuerst im Wohnzimmer um.
    Irgendwie war es das typische Vorstadthäuschen, eigentlich eins, wie man es einer Familie zutraute. An Geld jedenfalls fehlte es Dalgardo anscheinend nicht. Davon zeugten auch der große Flachbildfernsehr und die sündhaft teure Soundanlage.
    „Scheint ja ein gutes Leben gehabt zu haben, der Gute.“, bemerkte Frank.
    „Würde mich mal interessieren, wie er sich so etwas leisten kann, bei seinem Gehalt.“
    „Vielleicht geerbt?“
    „Gut möglich, aber wie er für den Unterhalt des Hauses aufkommen kann, möchte ich mal wissen. Als Alleinstehender so ein Haus zu bewirtschaften, dazu gehört schon einiges.“ Schon von außen sah das Haus recht sauber und ordentlich aus. Der Eindruck setzte sich auch hier drin fort. Meckern konnte man hier auf keinen Fall. Murry und Frank verließen das Wohnzimmer. Hier würden sie wohl kaum etwas Interessantes finden.
    Vom Wohnzimmer aus ging es durch eine Tür in das geräumige Arbeitszimmer. Das wirkte auf die beiden schon sehr viel interessanter. Auch hier waren schon zwei Uniformierte eifrig dabei irgendetwas zu finden, was Dalgardo in Verbindung mit Sid Kramer und seine Bande brachte. Den Verdacht hatte nämlich Murry gehabt, als er den Durchsuchungsbeschluss orderte.
    Er nahm an, dass der falsche FBI-Agent ebenfalls nun Dalgardo suchte um ihn zum Schweigen zu bringen. Nur wer ihn gesandt hatte und warum erst jetzt, das war Murry noch ein Rätsel.
    Frank stand vor einem großen Bücherregal und sah sich die einzelnen Titel an. Ein Großteil der Bücher hat mit der menschlichen Psyche zu tun. Außergewöhnlich waren auch die Sammlung über paranormal Werke.
    „Seltsame Auswahl an Büchern, die er hier hat. Hier zum Beispiel, das befasst sich mit Telekinese, Telepathie und so weiter.“
    Murry blickte auf, ging zu Frank und warf ebenfalls einen Blick auf das große Regal.
    „Mh, sehr viele Sachbücher, schon seltsam. Romane hat Dalgardo scheinbar so gut wie keine und wenn, “, Murry zog eines heraus, „dann sowas hier.“ Dabei hielt er Frank einen Roman vor die Nase, dessen Hauptfigur über telepathische Fähigkeiten verfügte.
    Einer der Uniformierten kam auf Murry und Frank zu.
    „Agent Simpson, an dem Schreibtisch hat sich schon jemand zu schaffen gemacht.“
    „Wie meinen sie das, Officer?“
    „Der Tisch ist abschließbar, aber das Schloss wurde aufgebrochen. Ob was fehlt, keine Ahnung. Aber auch der Computer, jemand hat sich auch daran zu schaffen gemacht. Die Festplatten fehlen. Wir haben nichts als eine leere Hülle da stehen. Das Ding ist wertlos.“
    „Das ist doch nicht ihr Ernst, Officer? Na okay… Packen sie alles an Unterlagen ein, was sie finden können. Eventuell finden wir noch etwas Brauchbares.“
    „Okay.“
    Frank, der sich das schweigend angehört hatte, sah zu Murry und seufzte.
    „Das wird doch immer besser. Langsam glaube ich, dass nicht nur wir daran interessiert sind, was Dalagardo weiß.“
    In dem Moment kam ein weiterer Agent auf die beiden zu und berichtete von etwas, dass das Ganze nur noch bestätigte. An der Hintertür hatte man Einbruchsspuren entdeckt.
    Die waren jedoch nicht von Anfängern. Das Schloss war noch intakt, aber es war geknackt worden, das stand fest. Eher durch Zufall hatte es der Agent entdeckt, als er sich wunderte, warum denn die Tür offen war. Scheinbar hatte der Einbrecher den Fehler gemacht, sie nicht vernünftig zu schließen. Sonst wäre das gar nicht aufgefallen.

    „Das war keiner, der auf das Familiensilber aus war. Der wusste, was er wollte.“
    Murry stimmte dem mit einem Kopfnicken zu und wandte sich dann an den Agenten.
    „Sonst gibt es keine weiteren Spuren die auf einen Einbruch hindeuten?“
    „Nein, Sir.“
    „Hab ich mir gedacht. Danke, Agent.“
    Sofort ging der Agent wieder an seine Arbeit. Murry und Frank standen inmitten des Raumes. Sie waren gerade mal 15 Minuten in dem Haus und schon jetzt war ihnen klar, dass es hier nichts gab, was ihnen weiterhelfen würde. Murry hoffte, dass die Durchsuchung des Waisenhauses mehr bringen würde.
    Plötzlich klingelte Murrys Telefon. Er nahm sein Handy und sah auf die Nummer. Er war leicht verdutzt, denn es wurde ihm die Nummer des Bezirksstaatsanwaltes angezeigt. Murry nahm das Gespräch an.
    „Agent Simpson hier, hallo.“
    „Ihr Hallo können sie sich sparen, Special Agent! Was zum Teufel soll die Aktion so ganz ohne mein Wissen? Wer gibt ihnen das Recht, einen Durchsuchungsbefehl für ein staatliches Waisenhaus und Privaträume anzuordnen, ohne meine Genehmigung?!“
    Zwar hatte sich die Frau am Apparat nicht vorgestellt, aber Murry wusste sofort, wer es war. Die Frau Staatsanwältin hatte die Oberhand über die Ermittlungen und auf ihr lastete der gesamte Druck. Zwar war das FBI recht frei in seinen Befugnissen, aber sowas ging normalerweise nicht ohne sie. Murry blieb jedoch ruhig und begann ihr zu erklären, warum er das getan hatte.
    „Gefahr im Verzug“, sagte Murry nur ruhig.
    „Gefahr… was?! Was für eine Gefahr?“
    „Nun, ich gehe davon aus, dass wir zu sehr schnellem Handeln gezwungen waren, aufgrund der Tatsache, dass Mr. Dalgardo spurlos verschwunden ist und sich jemand anders als FBI-Agent ausgegeben hat und sich wohl auch Zutritt zum Haus von Mr. Dalgardo verschafft hat. Und das waren keine Amateure. Derjenige, der hier was wollte, hat etwas ganz Bestimmtes gesucht.“
    „Wegen so einem drittklassigen Einbrecher, der die Perlenketten klauen wollte, heulen sie rum?!“
    „Nein, Ma‘am. Derjenige, der hier eingebrochen hat, hat lediglich die Festplatten aus dem Rechner entwendet und sich an den Unterlagen im Schreibtisch zu schaffen gemacht. Was an Unterlagen fehlt, wissen wir jedoch nicht. Ich habe Grund zu der Annahme, dass dies kein Zufall ist.“
    Mit einem Missmutigen „Das wird Folgen haben!“ legte die Frau wieder auf. Murry wusste, dass es das nicht haben würde.
    Nach diesem Telefonat fuhren Murry und Frank schließlich los zum Waisenhaus.

    Später am Tag
    Einige Stunden schon waren die beiden Agenten wieder zurück im Büro und durchforsteten ein paar Akten aus Mr. Dalagardos Haus. Es war kaum etwas Brauchbares dabei. Stromrechnungen, Versicherungsunterlagen, Kreditkartenabrechnungen und der übliche Kram eben. Im Waisenhaus schien man bisher auch nicht erfolgreicher gewesen zu sein. Momentan saßen im großen Konferenzraum 8 Agenten und durchsuchten die Unmengen an Aktenkartons nach Hinweisen. Bisher erfolglos.
    Dann aber stürmte Marvin fast schon aufgelöst in das Büro von Murry und Frank. Murry fuhr so dermaßen zusammen, dass er fast seinen Kaffee verschüttet hätte.
    „Jesus! … Was soll das denn?“
    „Wir haben Dalgardo!“
    Mehr brauchte Marvin überhaupt nicht zu sagen, um Murrys und Franks Aufmerksamkeit zu haben.
    „Wo ist er?“
    „Er wurde in einem Motel in Hope Valley gefunden, an der Interstate 95, schon gestern Mittag. Leider wird er nicht mehr reden können. Er ist tot.“
    Das ließ nun die Laune der beiden Agenten wieder in den Keller sinken. Dalgardo war eine heiße Spur gewesen, mauserte sich sogar zu einem Verdächtigen, aber da er nun tot war, war es nicht mehr möglich ihn in die Mangel zu nehmen und zu befragen. Ein herber Rückschlag für die beiden.
    Murry sah mit einem Blick zu Marvin, der deutlich zeigte, dass ihm diese Nachricht überhaupt nicht gefiel. Aber bevor Murry etwas erwidern konnte, sprach Marvin auch schon weiter.
    „Das Sheriffdepartment wurde wegen einem Streit gerufen, kurz darauf fanden sie ihn in seinem Zimmer, mehr durch Zufall. Eine Kugel in der Brust, eine im Kopf.“
    „Erschossen? Warum sagen sie das nicht gleich!“ Murry seufzte. „Irgendwelche Spuren? Zeugen? Sonst was? Und warum zum Teufel erfahren wir das erst jetzt?“
    „Tschuldigung, Sir… Nein, bisher nichts. Keiner der etwas gesehen oder gehört hat, keine Kameras oder sonst was. Und auch Spuren gibt’s am Tatort nicht. Das Zimmer sieht aus, als wenn dort gründlich sauber gemacht wurde, besser als vorher. Als dann heute die Fahndung nach ihm rausging haben die uns sofort angerufen. Das einzige, was sie wissen, ist, dass er schon ungefähr zwei Tage tot war. Es ist wirklich purer Zufall, dass er gefunden wurde. Einer der Polizisten bemerkte eine offene Tür und wunderte sich, wollte nach dem Rechten sehen und fand dann schließlich Dalgardo.“
    „Der Tatort ist sauber und alles, aber die Tür war offen? Das passt gar nicht zum Rest. Wenn der Täter so pingelig war, wieso hat er dann die Tür offen gelassen?“ Frank sah fragend zu Marvin, als er ihn das fragte. Und auch Murry blickte auf.
    „Das hat er nicht, zumindest nicht absichtlich. Der Motelbesitzer sagte, dass er mit der Tür des Zimmers schon immer Probleme hatte. Sie schließt nicht richtig und einfach zuziehen oder zufallen lassen bringt da nichts.“
    Eine Tür die also nicht richtig schloss, war alles, das er so schnell entdeckt wurde. Nun standen sie wieder am Anfang. Ihr Verdächtiger, zu dem Dalgardo geworden war, lag nun in einem Kühlfach der Gerichtsmedizin von Hope Valley. Morgen würde sie nach Boston überführt werden. Murry wusste in dem Moment noch nicht, wie er nun weitermachen wollte. Dalgardo war tot und somit auch die heißeste Spur, die sie bisher hatten.

    Inzwischen war es weit nach Mitternacht und nur noch Murry war wach. Frank war nach Hause gegangen und auch der Rest der Abteilung, außer einigen Mitarbeitern der Telefonzentrale und die Leute von Bereitschaftsdienst, waren da. Er wusste nicht mehr, wie oft er die Unterlagen schon durchgegangen war, aber er tat es schon wieder. Am Abend hatte Marvin noch einiges an Unterlagen gebracht, die aus Dalgardos Vergangenheit stammten.
    Murry hatte alte Rechnungen, Bankunterlagen, Fotos, Akten der Universität auf die Dalgardo gegangen war und was sonst noch alles zu finden war, vor sich liegen. Er kramte inzwischen mehr genervt und desinteressiert in den Unterlagen rum, als alles andere. Er sah sich alte Fotos an, aus der Studienzeit von Dalgardo.
    Gerade als er eines beiseite legte, viel ihm etwas Anderes auf. Auf einem der Fotos war neben Dalgardo ein Mann zu sehen, den er meinte zu kennen. Das Bild zeigte eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, zusammen mit ihrem Professor vor einem Gebäude. Neben dem Jahrgang und der Uni, stand als Bildunterschrift auch noch etwas Anderes drunter.
    ‚Forschungsgruppe für angewandte Sinneskräfte.‘
    Urplötzlich ging Murry ein Licht auf…


    ---------------------------------------------------------
    -Ende Chapter 2-
    -Forstetzung folgt-


    Master of Disaster


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