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  1. #1
    Phöses Mädel Avatar von Janoko
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    Standard Die Regenkönigin

    Das ist jezt mal ne Geschichte die mir sehr am Herz liegt...
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    Die Regenkönigin


    Prolog
    Dodoma, Tansania, Ostafrika 1974

    Auf dem Friedhof der anglikanischen Kirche standen zwei Särge zur Beerdigung bereit. Einer von ihnen war fast zwei Fuß länger als der andere, aber abgesehen davon waren sie völlig identisch - einfache Kisten aus unbearbeitetem Sperrholz. Neben den Särgen stand Bischof Wade, dessen mächtiger Bauch sich unter der roten, mit Goldfäden bestickten Robe wölbte. Seine blasse haut war gerötet, und der Schweiß lief ihm von der Stirn.
    Er blickte über die Menschenmenge. Die Leute säumten die Wege und füllten die Zwischenräume zwischen den Gräberm; sie saßen auf den Ladeflächen der Landrover, die vor dem Friedhof parkten, und selbst in den Ästen der alten Mangobäume, deren Kronen dem Friedhof Schatten spendeten, hingen sie.
    Vorn standen die Missionare, zusammen mit ein paar anderen Europäern und einem halben dutzend Journalisten mit Kameras und Notizblöcken. Hinter ihnen drängten sich die westlich gekleideten Afrikaner aus der Stadt und der Mission und eine Gruppe von Indern mit Turbanen und in Saris. Die Landbevölkerung bildete den äußereen Ring - ein Meer von schwarzen Köpfen, in bunte Gewänder gekleidet und mit Decken.
    Der Bischof hob die Hand und wartete, bis die Menge verstummt war. Dann begann er aus einem Buch zu lesen, das ihm einer seiner afrikanischen Ministranten hinhielt. Seine kräftige, klare Stimme übertönte das Wirrwar kleinerer Geräusche: Husten und Füßescharren, schreiende Säuglinge und das ferne Geräusch eines lastwagens, dessen Schaltung malträtiert wurde.
    "Nackt und bloß sind wir auf die Welt gekommen, und nackt und bloß werden wir sie wieder verlassen..."
    Er las noch ein paar Zeilen, doch dann brach er ab, weil erspürte, dass in der Menge etwas vor sich ging: unmerklich hatte sich die Aufmerksamkeit verlagert. Als er hochblickte, riss er erstaunt die Augen auf. Im hinteren Teil des Friedhofes war eine Gruppe von Kriegern aufgetaucht - langgliedrige Männer mit schlammverkrusteten Harren und Halsketten aus bunten Perlen. Sie drängten sich durch die Menge bis nach vorn zu den Leuten aus der Mission. Die Spitzen ihrer langen Jagdspeere, die sie hoch über ihren Köpfen schwangen, funkelten in der Sonne.
    Mitten unter ihnen befand sich eine weiße Frau. Ab und zu konnte man sie zwischen den Bloßen Schultern der Männer erkennen - dann leuchteten kurz blasse Haut, ruhige Augen und rote lange Haare auf. Erstautest Murmeln folgte ihr in Wellenbewegungen auf ihrem Weg durch die Menge.
    Nicht weit vom Bischof entfernt blieben die Krieger stehen. Auch die weiße Frau stand still vor den Särgen, ohne sich um die Unruhe, die sie verursacht hatte, zu kümmern.
    Sie war eine seltsame Erscheinung, groß und schlank, in khakifarbener Buschbekleidung, die von Schweiß und Staub beschmutzt war. Im Gegensatz zu den anderen Frauen in der Menge trug sie Hosen. Um die Taille hatte sie einen breiten Munitionsgürtel aus Leder geschlungen. Sie stand ganz still, mit unbeweglichem Gesicht, den Blick starr geradeaus gerichtet.
    Der Bischof fuhr in seiner Lesung fort. Als er fertig war, verkündete er, dass der Chor jetzt ein Kirchenlied singen würde. Dabei drehte er sich absichtlich zu den Sängern um, in der Hoffnung, dass auch die Menge ihnen ihre Aufmerksamkeit zuwenden würde. Aus den Augenwinkeln jedoch sah er immer noch nur zu deutlich die schweigende Frau, die vor den Sängern stand ...
    "Frühre mich, o großer Jehova, als Pilger durch dieses dürre Land"
    Klar und deutlich erklangen die Worte und vereinten die Vielzahl der Stimmlagen zu einer einzigen Komplexen Stimme.
    "Brot des Himmels. Brot des Himmels. Nähre mich, bis ich gesättigt bin ..."
    Beim letzten Vers des Liedes gab der Bischof einem seiner Ministranten einen Wink. Daraufhin trat ein Mädchen aus der Menge hervor, geführt von einer der Missionarsfrauen.
    Sie trug ein frisch gebügeltes, blaues Kleid. Der weite Rock bauschte sich um ihre Knie, als sie vortrat. Sie hielt den Kopf gesenkt, und ihre dunklen Haare fielen ihr ins Gesicht. In den Armen trug sie zwei zerrupfte Blumensträuße aus wilden Orchideen, Sonnenblumen, Gartenblättern und Unkraut - ganz offensichtlich hatte das Mädchen die Blumen selbst gepflückt.
    Als die kleine Gestalt auf die Särge zutrat, begann eine afrikanische Frau hinten in der Menge laut zu jammern. Andere schlossen sich ihr an, und blad übertönten ihre Klagen den Chor. Es war fast so, als habe die Beerdigung bis jetzt dem Bischof und seiner Gemeinde gehört, aber der Anblick des Kindes, das an die Särge seiner Eltern trat, löste einen kollektiven Schmerz aus, der sich in der Liturgie nicht fassen ließ. Tiefe, ursprungliche Trauer überwältigte die Menge.
    Kate stand zwischen den beiden Holzkisten. Sie legte den ersten Blummenstrauß auf den Sarg ihres Vaters und rückte ihn sorgfältig auf der Mitte des Deckels zurecht. Dann drehte sie sich um zu dem anderen Sarg, in dem die Leiche ihrer Mutter lag. Sie blickte auf die Bretter, als versuchte sie hindurchzusehen. Ob sie wohl die Augen offen hat?, fragte sie sich. Oder sind sie geschlossen, als ob sie schliefe ...
    Sie hatte die Leichen nicht mehr sehen dürfen. Sie hatten gesagt, sie sei ja noch ein Kind. Niemand hatte hinzugefügt, dass die Körper von Macheten aufgeschlitzt worden waren, aber Kate wusste, das es so war.
    Auch die Gesichter?, wollte sie fragen.
    Aber offenbar hatte niemand von ihr erwartet, dass sie etwas sagte. Sie wollten, dass sie weinte, schlief, aß, Tabletten schluckte. Alles - nur Fragen durfte sie nicht stellen.
    "Es ist ein Segen, dass du nicht da warst", sagten sie immer wieder. "Gott sei Dank warst du hier im Internat. Wenn man daran denkt ..."
    Ein Journalist drängte sich durch die Menge und richtete seine Kamera auf sie, um den Augenblick einzufangen, wenn das Kind den zweiten Blummenstrauß niederlegte. Kate starrte ihn mit steinernem Gesicht an, als er sich vorbeugte, um sie besser ins Bild zu bekommen.
    Worte kreisten in ihrem Kopf wie ein Zauberspruch und hielten sie vom Denken ab.
    Halte dein Herz fest. Es ist Gottes Wille.
    Halte dein Herz fest.
    Sie dachte die Worte auf Swahili - mit der Stimme der afrikanischen Hausmutter, die sie aus dem Schulbüro begleitet hatte, nachdem man es ihr gesagt hatte. Man hatte es ihr einfach so gesagt. Ein Mann bewegte die Lippen, Worte kammen heraus.
    "Etwas Schreckliches ist geschehen ..."
    Halte dein Herz fest
    Kate blickte auf und begegnete dem ruhigen Blick der rothaarigen Frau. Sie kam ihr irgendwie vertraut vor, aber die Verbindung war nicht stark genug, um die Erstarrung des Mädchens zu durchdringen. Nach einem kurzen Moment wante Kate die Augen ab und blickte über den Friedhof hinaus. Die Bäume waren sattgrün. Die Erntezeit stand kurz bevor. Sie stellte sich den Mais auf den feldern vor. Er reichte ihr bis über den Kopf. Die gelben Maiskörner wurden dick in ihren seidengesäumten Muscheln. Nur noch wenige Wochen, und die Hungerzeit würde wieder einmal vorüber sein ...
    Kate ging zurück zu ihrem Platz neben der Frau des Arztes und blieb dort ganz still stehen, den BVlick auf ihre Schuhe gerichtet - das glänzende schwarze Leder war staubig von dem feinen roten Sand.
    "Sollen wir nach Hause gehen?", flüsterte Mrs. Layton ihr ins Ohr. Kate blickte sie verwirrt an. "Ich meine, zu mir nach Hause", fügte die Frau hinzu. "Du brauchst nicht mehr länger hier bleiben." Sie versuchte, dem Kind zuzulächeln, aber ihre Lippen bebten.
    Mrs. Layton nahm Kates Ellbogen und schob sie durch die Menge. Ein junger Mann mit Notizblock und Kamera eilte ihnen nach.
    "Entschuldigung", begann er, als er Kate eingeholt hatte. Er hatte ein freundliches Gesicht, aber bevor er noch etwas sagen konnte, scheuchte Mrs. Layton ihn fort.
    "Reden Sie mit dem Bischof", sagte sie zu ihm. Dann führte sie Kate rasch weg.
    Als die Beerdigung vorüber und das letzte Lied gesungen war, begann sich die Gemeinde zu zertreuen. Repoter eielten zu ihren Interviews, während die Missionare in kleinen Grüppchen herumstanden, als wollten sie nicht wahrhaben, dass der Gottesdienst beendet war.
    Der junge Journalist trat auf den Bischof zu. Der Mann stand immer noch neben den beiden Gräbern und blickte auf die aufgeworfenen Erdhügel.
    "Bischof Wade, ich habe ein paar Fragen ...", begann der Journalist.
    "Die Mission hat eine Erklärung herausgegeben", schnitt ihm der Bischof das Wort ab.
    Der junge Mann nickte. Er hatte das Dokument vor zwei Tagen gelesen. Es hatte lediglich den Mord an zwei Missionaren, Dr. Micchael Carrington und seiner Frau Sarah, in einer abgelegenen Station im Westen, nahe der Grenze zu Ruanda, bestätigt. Ein Motiv für die Morde war nicht bekannt. Dann hate lediglich noch da gestanden, dass ein dritter Europäer, der zur Zeit des Zwischenfalls zu Besuch in der Station gewesen war, nicht verkletzt worden sei. Das war alles. Eine weitere "Information", diesich jedoch trozdem rasch in Dodoma herumgesprochen hatte, wurde nicht erwähnt. Offenbar war das weibliche Oper vor seinem Tod nackt ausgezogen worden, und man hatte ihr bizarrerweise, so ging das Gerücht, ein Ei in den Mund gestopft.
    "Es gibt noch einige Punkte, zu denen ich gerne ein paar Details wissen würde", sagte der Journalist.
    Der Bischof blickte zustimmend auf. Er sah müde und erschöpft aus, jetzt, da er die Beerdigung hinter sich gebracht hatte. Der Journalist vermutete, dass er ihm wahrscheinlich nicht allzu viele Fragen stellen konnte.
    "Können Sie bestätigen, dass ein Ei ...", begann er. Der Bischof warf ihm einen gequälten Blick zu, aber der junge Mann fuhr fort "In ... Mrs. Carringtons ... Mund war?"
    Der Bischof nickte. "Da der Überfall Ostern stattgefunden hat, sollte es wahrscheinlich eine Anspielung auf die christliche Sitte des Eierversteckens zu dieser Zeit sein." Seine Stimme klang monoton, als rezitiere er lediglich eine Antwort, die er vorbereitet hatte. "Auf der ganzen Welt, wo immer die Liebe Gottes gepredigt wird, gibt es Menschen, die mit Hass darauf reagieren." Er holte tief Luft. Der Journalist blickte auf seinen Notizblock und stellte noch eine Frage.
    "Wie alt ist das Mädchen?"
    "Zwölf"
    "Was geschieht mit ihr?"
    "Sie wird nach Australien zurückkehren. Es gibt keine nahen Verwandten, und der Missionssekretär wird ihr Vormund werden. Man wird gut für sie sorgen, und sie wird auf die besten Schulen gehen."
    Der Journalist machte sich Notizen. Wie kommt sie damit zurecht?", fragte er.
    "Sie ist stark", erwiederte der Bischof bekümmert. "Wir können nur beten, dass ihr Glaube ihr hilft."
    Ein weiterer Journalist tauchte neben ihnen auf - ein älterer Mann mit spärlichem grauem Harr und einem erhitzten Gesicht. Als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, schüttelte der Bischof den Kopf.
    "Genug. Bitte ..." Er wandte sich ab.
    Der neu Hinzugekommene ließ sich jedoch nicht abschrecken und stellte seine Frage. "Die andere Person, die zu Besuch war. Es war eine Frau, nicht wahr - eine Miss Annah Mason?"
    "Ja, das stimmt", erwiderte der Bischof und wandte sich zum Gehen.
    Beide Journalisten hefteten sich an seine Fersen.
    "Hat sie den Mord mit angesehen? War sie dabei?", fragte der ältere Journalist. Ohne die Antwort des Bischofs abzuwarten, fuhr er fort: "Wie kommt es denn, dass sie sie nicht mal angerührt habne? Ich meine, wenn man bedenkt, was den anderen beiden passiert ist ..."
    Der jüngere Journalist verzog entsetzt das Gesicht bei dieser Frage, aber er lief trozdem weiter neben den beiden her.
    "Und diese ... Miss Mason ... stimmt es, dass sie zu Ihren Missionaren gehört und dass man sie gezwungen hat, ihren Dienst zu quittieren? Können Sie mir sagen, warum?"
    Der Wortschwall des Mannes brach plötzlich ab, als der Bischof sich umdrehte. Er war ein großer Mann, und jetzt war sein Gesicht vvor Zorn ganz starr. Beide Journalisten traten einen Schritt zurück.
    Der Bischof ließ sie einfach stehen und ging.
    "sie war nähmlich hier, wissen Sie", sagte der Grauhaarige. "Miss Mason." Er leckte sich über die Lippen, als freute er sich schon auf ein kühles Getränk.
    Der andere Journalist blickte sich um. "Haben sie mit ihr gesprochen?"
    "Das wollte ich zuerst." Der Mann kratzte sich an der Nase. "Aber dann hat mir einer ihrer Leibwachen seine Speerspitze gezeigt, und die sah sehr scharf aus." Er schüttelte den Kopf. "Schade." Dann schob er seinen Bleistifftstummel in die Hosentasche und ging achselzuckend davon.


    Kate saß in einem sonnendurchfluteten Wohnzimmer mit Fremden, die ihr etwas zu essen anboten. In ihrem Mund schmeckte alles nach klatem Brei. Nach ein paar mühsamen Bissen schob sie ihren teller weg.
    Dann ging man mit ihr in einen Lagerraum, in dem eimige Truhen aufgereiht standen. Mrs. Layton erklärte ihr, jemand in der Station Langali habe die Habseligkeiten ihrer Familie eingepackt und hierher geschickt. Die Kisten würden demnächst nach Australien verschifft. Sie reichte Kate ein paar Dinge, die man für sie beiseite gelegt hatte - Dinge, von denen Mrs. Layton annahm, dass das mädchen sie gerne bei sich haben wollte. Die Bibel ihres Vaters und die wenigen Schmuckstücke ihrer Mutter.
    "Danke", sagte Kate. Sie warf kaum einen Blick darauf und ließ alles einfach zu Boden fallen. Dann trat sie zu einer der Truhen und sah sich an, was eingepackt worden war. Sie holte eine ihrer Puppen heraus - es war diejenige, die man jedes Jahr zu weihnachten, in ein weißes Tuch gewickelt, als Jesus in die Krippe gelegt hatte.
    "Du kannst sie auch mitnehmen", schlug Mrs. Layton vor. Kate sah ihr an, dass ihr die Vorstellung gefiel, dass eine Puppe sie trösten könnte.
    Sie warf die Puppe zurück in die Kiste und blickte in einen Pappkarton voller alter Kleider.
    "Das sind Sachen, die du wohl nicht behalten musst", sagte Mrs. Layton. "Hauptsächlich Kleider. Wir werden sie den Afrikanern geben." Stirnrunzelnd beugte Kate sich vor und ergriff ein paar Schuhe. Sie gehörten Sarah, ihrer Mutter. Ihre Alltagsschuhe - die Schuhe, die trug, wenn sie in der küche, im Krankenhaus und auf dem gelände herumlief. Sie waren sauber geputzt, aber ganz weich und abgenutzt. Kate drückte sie ans Gesicht und atmete den herben geruch von geztrocknetem Schweiß ein.
    Nach einer Weile trat Mrs. Layton zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. "Weine ruhig, Liebes. Es ist besser, es heraus zulassen."
    Kate hielt den Kopf gesenkt. Sie konnte nicht weinen. Die Tränen schienen in ihr festzustecken, in einem harten Klumpen Schmerz, der ihr im Hals saß.
    Allein in ihrem kahlen Gästezimmer, kniete kate sich vor das Bett, um zu beten. Sie konnte nicht denken, empfand nichts. Sie fühlte sich leer und verloren - als ob auch sie nicht mehr lebte. Sie fragte sich, ob das wohl an der Tablette lag, die Dr. Layton ihr gegeben hatte. Nach ein paar Minuten stand sie wieder auf. Ihr Blick fiel auf Sarahs Schuhe, und sie zog sie an. Sie waren ihr viel zu groß, und wenn sie versucht hätte, darin zu gehen, wären sie ihr von den Füßen gefallen. Kate setzte sich still auf die Bettkante und ließ sich von den abgenutzten Schuhen trösten. Sie spürte die Konturen, die die Fühe ihrer Mutter hinterlassen hatten, unter ihren eigenen Füßen. Fast konnte sie sich vorstellen, dass Sarah sie gerade ausgezogen hatte. Dass sie noch warm waren ... Es berühigte sie, zumindest so lange, bis die Tablette ihre Wirkung tat und den Schmerz betäubte.
    Schläfrig legte Kate sich ins Bett und schklüpfte zwischen die gespannten Laken. Dann hörte sie, wie die Tür aufging. Rasch schloss sie die Augen. In erwartung einer weiteren Umarmung versteifte sie sich - schon wieder ein Fremder, der sie berührte. Die Mutter von jemand anderem.
    Aber die Gestalt neben ihrem Bett roch nach klater Asche und Butter. Kate blinzelte.
    "Ordena?", flüsterte sie den Namen ihrer alten Ayah. Nein, sagte sie sich, das kann nicht sein. Wer sollte sie denn hierher gebracht haben? Den ganzen Weg von Langali ...
    "Habe ich dich nicht als kleines Kind in meinen Armen gehalten?", antwortete die Frau.
    "Du bist gekommen", hauchte Kate. Sie konnte es kaum glauben.
    "Ganz richtig, ich bin gekommen." Ordena nahm Kate in die Arme. Langsam und sanft wiegte sie sie, als sei sie wieder ein Baby. Vor und zurück schaukelte die alte Amme im gleichmässigen Rhytmus eines afrikanischen Wiegenlieds. Nach und nach wich die Starre von Kate, und sie schmiegte sich in die vertraute Umarmung. Und endlich flossen die Trännen.
    __________________________________________________
    Ende des Prologs

  2. #2
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    1


    Melbourne, Australien, 1990

    Neben Kates Ellbogen tauchte ein Silbertablett mit Champagnergläsern auf. Sie nahm eines und stellte es vorsichtig neben ihre Papiere.
    "Danke." Sie blickte auf und las das Namensschild an der Bluse der jungen Krankenschwester. Meg McCausland, stand dort, Aushilfe. "Kommen Sie von der Agentur?"
    Meg nickte. "Ich war vor ein paar Monaten schon einmal hier. Ich dachte, über Weihnachten sei es vielleicht ruhiger."
    Kate schüttelte den Kopf. "Nein, da haben wir am meisten zu tun." Leiser fuhr sie fort: "Sie sagen ihren Freundinnen, sie führen über Weihnachten weg - und dann kommen sie hierher. Neujahr können sie dann wieder nach Hause."
    Meg grinste. "Faltenlos und um Jahre verjüngt! Keine schlechte Idee vermutlich - wenn man es sich leisten kann."
    Lächelnd trank Kate einen Schluck Champagner. Die kalten Bläschen prickelten auf ihrer Zunge, aber der Nachgeschmack war voll und weich. Sie blickte auf die Uhr und wandte sich wieder ihren Papieren zu.
    Meg blieb in der Nähe und füllte neues Duftöl in eine Schale. Sie hielt das Fläschchen hoch und las laut, was auf dem Schildchen stand.
    "Weihrauch aus Bethlehem - für Weihnachten." Sie seufzte. "Jedes Jahr ringe ich mich wegen der Bezahlung zu dieser Schicht durch. Und wenn es dann so weit ist, bedauere ich es." Sie drehte sich zu Kate um. "Was ist mit Ihnen? Haben sie keinen Urlaub bekommen?"
    "Mir macht es nichts aus, Weihnachten zu arbeiten." Kate unterbrach ihre Arbeit nicht. "Ich bin nicht religiös."
    "aber was ist mit dem Weihnachtsessen?", fragte Meg. "Fehlt Ihnen die Familienfeier nicht?"
    Kate schüttelte den Kopf. Sie beugte sich vor und nahm ein paar welke Blütenblätter weg, die aufs Telefon gefallen waren.
    "Dann wohnen Ihre Eltern wohl nicht in Melbourne?", fuhr Meg fort.
    "Nein"
    "In einem anderen Bundesstaat?"
    Kate ordnete die Unterlagen. Sie spürte, dass Meg auf eine Antwort wartete.
    "Sie sind tot", erwiderte sie abrupt. "Sie sind vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen."
    Entsetzt und verlegen starrte Meg sie an. "Es tut mir Leid", sagte sie. "Es tut mir wirklich Leid." Sie schwiegen beide. Irgendwo im Gebäude wurden Weihnachtslieder gesungen.
    "Ist schon gut", erwiderte Kate, die Mitleid mit der jungen Frau bekam. Sie nahm einen Plan und hielt ihn ihr hin. "Sie machen jetzt besser weiter. Ms James wartet darauf, dass ihr Verband entfernt wird. Sie liegt in Suite zwei. Die Patientinnen haben es nicht so gern, wenn man sie warten läst."
    "Das habe ich schon gemerkt." Meg wirkte erleichtert über den Themenwechsel. "Ehrlich, ich weiß gar nicht, wie Sie die ganze Zeit hier aushalten. Es wird ja gut bezahlt, aber trotzdem ..."
    "Mir gefällt es hier". erwiderte Kate.
    Meg zog die Augenbrauen hoch. "Sie meinen - das alles?" Sie blickte sich in dem üppig eingerichteten Raum um. Im Willoughby Center für Schönheitschirurgie wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Selbst der Weihnachtsbaum passte farblich zur Einrichtung - er war beige und mit goldenen Cherubinen und babyblauen Bändern geschmückt.
    "Nein", erwiderte Kate hastig, "das nicht. Mir gefällt die Tatsache, dass die Menschen hier sein wollen. Sie kommen aus freiem willen. Es ist nicht wie in einem echten Krankenhaus, es gibt keine Notfälle. Alles ist unter Kontrolle ..."
    "Warum sind Sie denn Krankenschwester geworden, wenn das Ihre Meinung ist?", fragte Meg.
    Kate schwieg einen Moment und sagte dann achselzuckend: "Die übliche Geschichte, vermutlich. Florence Nightingale ..."
    "Ach so." Meg nickte. "Sie meinen die Männer in den weißen Kitteln."
    Lächelnd schüttelte Kate den Kopf. Sie kannte viele Krankenschwestern, die es darauf anlegten, sich einen Arzt zu angeln, aber sie gehörte nicht dazu.
    Ein Licht blinkte auf, und Meg verschwand auf die Station.
    Kate widmete sich wieder ihrem Schreibkram. Sie beeilte sich jetzt, und ihre Handschrift wurde unleserlich. Wenn Meg zurückkam, beschloss sie, würde sie schon fort sein. Sie hatte genug von unverblümten Fragen und der Erwartung, dass sie darauf antwortete. wie sind Sie auf die Idee gekommen, Krankenschwester zu werden?, hatte Meg wissen wollen. Kate lächelte grimmig und fragte sich, was die Frau wohl dächte, wenn sie die wahre Antwort kennen würde: Kate hatte nie Krankenschwester werden wollen. Die Wahl war für sie getroffen worden, als sie erst fünfzehn Jahre alt gewesen war; das Schicksal hatte Ihren Weg unwiderruflich vorgezeichnet ...




    Kate hatte auf dem Rasen im Schulgarten gelegen, als sie ins Büro der Direktorin gerufen wurde. Es war nicht ungewöhnlich für sie, dass man sie zu Miss Parr bestellte. Die Mission überließ der Schule die meisten Angelegenheiten, die ihr Wohlergehen betrafen, und man rief sie regelmäßig, um mit ihr alles Mögliche zu besprechen, von Geburtstagspartys bis hin zu neuen Sportsachen. Heute jedoch hatte Kate ein unbehagliches Gefühl. Ostern stand vor der Tür und damit der unerwähnte, ungefeierte Jahrestag ihrer Ankunft in der Schule. Kate Carrington - das junge Mündel der Mission. Ein mürrisches Mädchen mit einem Koffer, ohne Familie und ohne Zuhause; eine Ausländerin, die das Geld in Cents und Shilling zählte und ständig in Swahili verfiel ...
    Mit der Aufforderung der Sekretärin in der Hand, trat Kate an Miss Parrs Tür. Nachdem sie sich die Haare zurückgestrichen und ihren Rock geglättet hatte, klopfte sie an.
    "Herein", ertönte Miss Parrs tiefe Stimme.
    Als Kate den Raum betrat, sah sie sich einem großen Mann in einem marineblauen Anzug gegenüber. Sie wusste sofort, dass er nicht von der Mission kam - der Sekretär und seine Kollegen trugen entweder Safarianzuge aus Nylon oder Sportjacketts und Hose. Höflich schüttelte sie dem Mann die Hand.
    "Wir kennen uns schon", sagte er. Bei diesen Worten beugte er sich zu ihr hinunter. In seiner Stimme lag eine Traurigkeit, die Kate den Margen zusammenschnürte.
    "Mr. Marsden ist Journalist", warf Miss Parr ein. "Er hat dich vor ein paar Jahren interviewt wegen dem, was deinen Eltern zugestoßen ist. Jetzt möchte er eine Fortsetzung seines Berichts schreiben. Der Sekretär der Mission billigt es." Sie warf Kate einen durchdringenden Blick zu. "Aber du sollst natürlich selbst entscheiden. Wenn du nicht willst, musst du nicht."
    Kate verspürte kurz Erleichterung. Miss Parr sagte nie etwas, was sie nicht auch meinte. Wenn Kate sie darum bäte, würde sie den Mann einfach wieder wegschicken. Aber dann fiel Kate ein, was sie über den Missionssekretär gesagt hatte - er wollte, dass sie das Interview gab. Jahrelang hatte die Mission alles für Kate bezahlt - Schuhe, Urlaub, Zahnarztbesuche, Friseur, sogar ihre Hauskatze. Die Organisation war auf Schenkungen und Geldspenden angewiesen, das wusste Kate, und man hatte ihr gesagt, dass die erste Geschichte über sie tausend Dollar eingebracht habe. Das Gleiche würde möglicherweise jetzt auch wieder passieren.
    "Mir macht es nichts aus", sagte Kate zu dem Journalisten und rang sich ein Lächeln ab.
    Der Journalist stellte Fragen über Kates Freundschaften, ihre Hobbys, ihre Lieblingsfächer in der Schule und machte sich Notizen auf seinem Block. Kate beantwortete jede seiner Fragen ausführlich, weil sie sich schon vor der nächsten fürchtete. Ihr war klar, dass der Mann nicht wirklich an Einzelheiten ihres Alltags interessiert war. Früher oder später würde er auf den Punkt kommen. War sie glücklich? Hatte sie die Vergangenheit hinter sich lassen können - oder hatte die Tragödie von Langali ihr Leben zerstört? Die Panik saß ihr wie ein harter, kalter Kloß im Hals. Aber die direkten Fragen kamen nicht, und auf einmal merkte Kate, dass der Journalist nicht den Mut hatte, sie ihr zu stellen. Sie begann sich zu entspannen. Während sie von ihrer Katze erzählte, blickte sie dem Mann über die Schulter. Auf dem Baum draußen vor dem Fenster saß ein Vogel, baumelnde Würmer im Schnabel, auf dem Nest mit seinen Jungen.
    Schließlich klappte der Mann sein Notizbuch zu und nickte Miss Parr zu - doch dann fiel ihm noch eine abschließende Frage ein. "Und was willst du tun, wenn du mit der Schule fertig bist?"
    Kate starrte ihn einen Moment lang an, dann blickte sie zu Boden. Es war eine einfache, faire Frage, aber sie hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte. Wenn sie versuchte, sich ihre Zukunft vorzustellen, kam sie ihr genauso leer und ohne Bezug zu ihr vor wie ihre Vergangenheit. Nur die Gegenwart schien eine gewisse Form oder Bedeutung zu haben. Aber diese Gedanken würden Miss Parr sicher nicht gefallen. Am St. John's College sagte man den Schülern immer, wie wichtig es sei, nach vorn zu blicken und sich Ziele zu setzen.
    "Ich möchte Krankenschwester werden", hörte sie sich sagen. Die Worte kamen erstaunlich sicher und kraftvoll. "Ich möchte in Afrika arbeiten, wie meine Eltern."
    In dem Schweigen, das folgte, hörte man nur das scharrende Geräusch, mit dem der Stift des Mannes über das Papier glitt. Draußen schrieen die kleinen Vogel nach mehr Futter.
    "Danke." Der Journalist strahlte. "Das ist wundervoll."
    In der Woche darauf war der Artikel erschienen. Obwohl die Frage nach Kates Zukunftsplänen nur einen Bruchteil des Interviews ausgemacht hatte, bildete sie jetzt das Herzstück des Artikels. In der Zeitung war ein großes Foto von Kate, die ihre Katze ans Gesicht gedrückt hielt, und darunter stand in fetten Buchstaben die Schlagzeile:

    Tapfere Tochter tritt in die Fußstapfen der Eltern
    Der Artikel wurde von vielen Leuten gelesen. In den Wochen und Monaten, die folgten, gratulierte man Kate immer wieder zu ihrem Mut und ihren Plänen. Und damit schien ihre Zukunft besiegelt zu sein. Wann immer sie in Erwägung zog, ihre Pläne zu ändern, kam es ihr vor wie ein Verrat am Vermächtnis ihrer Eltern. Der Mission. Gott. An allem, was eine Rolle spielte.



    Kate parkte auf ihrem üblichen Platz unter dem dichten Blätterdach einer linde. Während sie den Weg zum Haus hinaufging, betrachtete sie die Fassade des schmalen viktorianischen Reihenhauses. Das Haus wirkte trist und unbewohnt. Das vordere Schlafzimmer stand leer, und die Vorhänge waren nur selten zurückgezogen. Der einsame Weihnachtsschmuck - ein kleiner Kranz an der Tür - wirkte irgendwie fehl am Platz.
    Im Flur war es dämmrig und still. Kate hängte ihre Tasche und ihre Jacke auf und ging direkt zum Wohnzimmer im hinteren Teil des Hauses. Dort öffnete sie die Terrassentür und trat in ihren Garten.
    Die Nachmittagsschatten waren schon länger geworden, aber die Sonne wärmte immer noch. Kate stand auf ihrer Terrasse und spürte die Sonnenstrahlen auf ihren Schultern. Lächelnd blickte sie sich um. Der Sommer war dieses Jahr nach einem regenreichen Frühling früh gekommen, und die Mischung aus Hitze und Feuchtigkeit hatte alles wild wuchern lassen. Immergrüne Gewächse, Stauden und einjährige Pflanzen, alles stand in Blüte. Die Buchsbaumhecke war frisch geschnitten, die Pfade von Moos und Unkraut befreit, und jeder Zentimeter Erde war sorgfältig mit Mulch bedeckt. Nie hatte der kleine Garten schöner ausgesehen.
    Kate schlenderte über den Gartenweg und betrachtete jedes Beet. Sie blieb stehen, um die Knospe einer altmodischen Rose zu bestaunen, berührte die noch fest geswchlossenen Blütenblätter, deren samtige Haut blass rosa schimmerte. Fast konnte sieden verborgenen Duft schon riechen.
    Da erschütterte plötzlich ein lauter Knall die Luft. Kate erstarrte und blickte auf. Der Lärm war verklungen, aber er schwang in der Stille noch nach. Sie kannte dieses Geräusch. Sie irrte ganz bestimmt nicht. Das war ein Schuss gewessen - und er war in der Nähe abgefeuert worden, nicht weit entfernt.
    Kate rannte zum Gartenzaun. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie zum Nachbarhaus blicken. Zuerst wirkte alles normal - das große, ungepflegte Grundstück, das Herrenhaus mit den heruntergelassenen Rollläden, die Hintertür, die ein wenig offen stand. Kate blickte durch den Garten, und ihre Augen weiteten sich, als sie neben dem Jacarandabaum eine Gestalt am Boden liegen sah. Und daneben lag ein Gewehr mit langem Lauf.
    Kate rannte am Zaun entlang. Irgendwo, das wusste sie, gab es eine Stelle, wo man drei Bretter beiseite schieben und sich hindurchquetschen konnte. Es dauerte eine Weile, bis sie die Stelle fand, da sie hinter einer Gruppe von Stechpalmen verbogen lag. Hastig zwängte sie sich durch die Büsche, ohne darauf zu achten, dass sie Äste abbrach. Sie machte sich Sorgen. Vielleicht hätte sie zuerst ins Haus laufen und ein Krankwagen rufen sollen. Als sie sich durch den engen Spalt quetschte, blieb sie mit dem Rock ihrer Schwesterntracht an einem Nagel hängen.
    In dem großen Garten rannte sie zu den Jacarandabaum. Als sie näher kam, erkannte sie ihre Nachbarin. Die Frau war erst kürzlich eingezogen, aber Kate hatte sie bereits über den Zaun hinweg gesehen - eine große, einsame Gestalt mit wilden grauen Haaren, die sie zu einem unordentlichen Knoten aufgesteckt hatte.
    Als Kate sie erreichte, untersuchte sie sie sofort auf eine wunde oder Blut, fand aber nichts. Die Frau lag einfach nur keuchend da.
    "Sind Sie in Ordnung?", fragte Kate.
    Die Frau drehte den Kopf. Große graugrüne Augen musterten Kate - nicht ausdruckslos, sondern forschend. Ein langer Augenblick verging. Dann begann die Frau sich aufzurichten, wobei sie sich an den Ästen des Baumes festhielt. Kate blieb neben iht stehen, unschlüssig, ob sie ihr helfen sollte oder nicht. Die Frau strahlte Unabhängigkeit aus. Als sie, immer noch außer Atem, endlich aufrecht stand, drehte sie sich zu Kate um und lächelte zittrig. Dann wies sie triumphierend auf eine große schwarze Schlange, die sich in zwei Hälften unter einem Strauch wand. Kate blieb in sicherer Entfernung von der verwundeten Schlange stehen. Der Kopf, das wusste sie, konnte immer noch zu beißen. Es überraschte sie, hier in Parkville eine Schlange zu sehen. Wahrscheinlich ist sie vom Bach heraufgekommen, dachte sie, und hat den verwilderten garten für eine Art Buschlandparadies gehalten.
    "Sind Sie in Ordnung?", wiederholte Kate. IhreNachbarin atmete noch immer keuchend und hielt sich am Baum fest. Kate vermutete, dass der Rückstoß des schweren Gewehrs sie umgeworfen hatte.
    "Ja, gleich, mir geht es nicht so gut, wissen Sie." Die Frau mied Kates Blick, als ob ihr Zustand ihr peinlich sei. Kate stellte fest, dass sie trotz ihrer grauen Haare nicht alt war. Sie schätzte sie auh Anfang Fünfzig. Es war allerdings schwer zu sagen, weil sie das harte, alterslose Aussehen eines Menschen hatte, der viele Jahre in der Sonne verbracht hat.
    Die Frau gab Kate zu verstehen, dass sie sie stützen sollte. Bevor sie ihrem Arm ergriff, hob Kate das schwere Gewehr auf, wobei sie automatisch überprüfte, ob der Lauf leer war, obwohl es gerade erst abgefeuert worden war. Der Geruch von Gewähröl drang ihr in die Nase, und mit ihm stieg eine Erinnerung auf - ein Bild aus den Tiefen der Vergangenheit ...
    Heiße Sonne auf trockenem Gras. Ein kleines Mädchen, das langsam und vorsichtig, leise wie eine Katze vorwärts schleicht. Keine knackenden Zweige oder raschelnden Blätter. Ihre Augen sind fest auf die Hand ihre Vaters gerichtet. Stopp!, signalisiert er. Eine hektische Handbewegung. Er hat etwas gesehen. Sie erstarret mitten im Schritt. Er hockt sich hin, zielt - feuert. Und dann ist es auf einmal nicht mehr still. Er grinst. Sie lacht laut. Heute Abend werden sie etwas Gutes essen ...
    Das kalte Gewicht des Gewehres zerrte schwer an Kates Arm, als sie auf ihre Nachbarin zutrat. Die plötzliche Nähe machte sie verlegen. Eine Strähne des grauen Haars streifte ihre Wange, und sie atmete eien schwachen Hauch von Schweiß, vermischt mit einem schweren Parfüm ein.
    Sie traten auf die hintere Veranda und gigen zu einem hölzernen Gartenstuhl. Er war unter dem Dach hervorgezogen und stand an einem Kreis aus Ziegelsteinen mit halb verbrannten Holzscheiten und rauchender Asche.
    Kate kannte diese Feuerstelle. Die Frau hatte gleich am Tag, nachdem sie eingezogen war, das erste Feuer entzündet. Als Kate den Rauch bemerkt hatte, hatte sie angenommen, dass ihre neue Nachbarin Gartenabfälle verbrannte, aber als sie verstohlen über den Zaun gespäht hatte, saß die grauhaarige Gestalt am Lagerfeuer und starrte in die Flammen. Stunden später saß sie immer noch so da. Und dann, in der Abenddämmerung, waren ein Kessel und ein Campingkocher aufgetauscht, und die Frau hatte angefangen zu kochen.
    "Soll ich jemanden anrufen?", fragte Kate, als sie den Stuhl erreicht hatten.
    "Nein, nein, es geht schon. Ich bin es gewöhnt, allein zu sein." Sie konnte den Akzent der Frau nicht einordnen - er war weder australisch noch britsch, besaß allerdings Anklänge von beidem und einen Unterton von noch etwas anderem.
    "Nun." Kate blickte sich um und überlegte, was sie noch tun konnte. "Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?"
    "Danke." Als die Frau lächelte, erschienen Lachfältchen in ihren Augenwinkeln, und Kate dachte, dass sie früher einmal sehr schön gewessen sein musste. Sie war es eigentlich immer noch. Ihre Haare waren dick und glänzend, und sie hatte die starken Knochen, die ein Gesicht auf natürliche, gute Weise altern lassen. Offensichtlich trug sie Gartenkleidung - zerschlissene Khakihosen und ein zerknittertes Leinenhemd. Anscheinend feierte sie heute auch nicht Weihnachten.
    "Im Kühlschrank ist frischer Limonadensaft." Die Frau wies auf die Hintertür. "Und auf dem Regal in der Küche stehen zwei Gläser."
    Von der Hintertür aus gelangte man direkt in eine altmodische Küche. An der einen wand stand ein mit Holz befeuerter Herd und in der Mitte ein blank gescheuerter Pinienholztisch. Abgesehen davon gab es nur noch die Spüle und ein paar Einbauschränke. Es standen keine Tassen, Schüsseln oder Töpfe herum, keine Flaschen oder Dosen. Es gab überhaupt keine Spuren von Essen. Selbst dafür, dass die Frau erst vor kurzem eingezogen war, wirkte der Raum seltsam leer.
    Kate öffnete die Kühlschranktür. Auch er war fast leer. Ein paar Karotten, ein Apfel, ein Päckchen Butter - undeine weiße Porzellanteekanne. Kate schüttelteden Kopf. Die Frau muss verrückt sein, dachte sie. Sie schießt auf Schlangen, kocht draußen und stellt ihre Teekanne in den Kühlschrank. Als Kate jedoch den Deckel der Kanne abhob, stieg ihr der Duft von frisch gepresstem Limonensaft in die Nase. Dicke Scheiben der grünschaligen Frucht schwammen in der Flüssigkeit. Kate sah aus dem Fenster. Die frau saß immer noch in dem Stuhl, in den Kate sie gesetzt hatte. Sie schlief jedoch nicht, sondern saß kerzengerade da und blickte zur Hintertür. Offensichtlich wartete sie darauf, dass Kate zurückkam.
    Kate schenkte zwei Gläser Saft ein und trug sie nach draußen. Die Frau wies sie an, sie auf die Erde neben der Feuerstelle zu stellen, und sich dann einen Stuhl von der Veranda zu holen. Als Kate saß, trank sie einen kleinen Schluck Saft. Er war kalt und sauer - nur leicht gesüßt - und sehr erfrischend. Es war noch die Spur eines anderen Aromas darin enthalten. Kate trank noch einen Schluck und versuchte, es zu identifizieren.
    "Basilikum", sagte die Frau.
    "Ah." Kate nickte.
    Schweigend saßen sie da, tranken und sahen dem Rauch zu, der immer noch aufstieg. Kate atmete den Geruch des erlöschenden Feuers ein - die alte Asche, die von der Sonne wieder erhitzt worden war. Er war ihr vertraut, aber fern, er gehörte zu einer anderen Welt. Die grillfeuer, an denen sie jeden Sommer saß, wurden immer wieder frisch entzündet und dann weggeräumt. Solche Feuerstellen waren jedoch etwas ander. Man hielt sie am Brennen, um nachts die Löwen fern zu halten und um tagsüber zu kochen. Sie hatten einlängeres Leben. Die Ascheschichten bauten sich auf, markierten jeden Tag, der verging, jede Mahlzeit, jede Geburt, jeden Tod ...
    In der Ferne ertönte Glockenläuten. Die beiden Fraue blickten einander an - ein gemeinsamer Gedanke, den sie nicht aussprachen. es war weihnachten. Und beide waren sie allein.
    "Mein Name ist Jane."
    "Ich bin Kate."
    wieder Schweigen. Kate bemerkte, dass an einem Obstbaum in der Nähe eine knochige braune Ziege angebunden war. Sie kaute an einem der unteren Äste und suchte mit ihren weichen Lippen nach zarteren, frischeren Blättern.
    "Sie wird mir das Gras kurz halten", sagte Jane. "Der Garten ist ein bisschen verwildert."
    Kate nickte höflich lächelnd. Das war eine leichte Untertreibung. Im letzten Jahr hatte das Haus leer gestanden und der Garten war völlig zugewuchert. Kate beobachtete, wie die Ziege einige Blätter abriss. Wenn sie in dieser Geschwindigkeit weitermachte, würde sie den gesamten Garten in null Komma nichts abgefressen haben. Ihr fiel ein, was für eine Aufregung das Eintreffen der Ziege verursacht hatte. Die Anwohner der Straße hatten sich bei dem Makler beschwert, mussten aber zu ihrem Schrecken erfahren, dass die Frau nicht einfach nur einer der vielen Mieter war, die das haus im Laufe der Jahre bewohnt hatten, sondern dass es ihr gehörte. Sie war die eigentümerin und gerade erst aus Übersee zurückgekehrt. Wenn sie sich ein Tier im Garten halten wollte, so war das einzig und allein ihre Angelegenheit. Binnen kurzem besiedelten auch Hühner den Garten - man konnte sie in den Bäumen schlafen sehen, un in der Morgendämmerung krähte der Hahn. Und ständig hing Holzrauch in der Luft. Die Anwohner begannen, Kate auf der Straße anzusprechen und ihr Fragen über die neue Nachbarin zu stellen. Kate beschloss, ihnen nichts davon zu erzählen, dass die Frau seit ihrer Ankunft praktisch draußen gelebt hatte. Manchmal hatte sie sogar auf der Veranda geschlafen. Sie hatte das Gefühl, das ginge die anderen nichts an. Und sie wollte sich auch nicht an dem Klatsch beteiligen.
    "Wie lange wohnen Sie schon hier?", fragte Jane Kate und wieß mit dem Kopf auf das kleine reihenhaus.
    "Oh, lange schon ...", erwiederte Kate vage. "Immer mal wieder."
    Jane blickte sie prüfend an. "Woher wussten Sie, dass es ein Loch im Zaun gibt?"
    Kate zögerte, sah aber nicht ein, warum sie ihr nicht die Wahrheit erzählen sollte. "Ich habe es selbst gemacht. Als Kind habe ich hier im Garten gespielt. Das Haus stand leer." Sie ließ ihren Blick über den großen Garten wandern. "Es war so, als hätte ich ein ganzes Könnigreich zum Erforschen."
    "Also sind Sie hier aufgewachsen?", fragte Jane.
    Eigentlich nicht. Es gehörte zwar meiner Familie, wir haben aber nur zwei Jahre hier gewohnt." Kate überlegte krampfhaft, wie sie das Thema wechseln könnte.
    "Vermutlich haben Sie dort 'Haus' gespielt?" Jane wies quer durch den Garten suf eine knorrige alte Trauerkirsche.
    Kate warf ihr einen überraschten Blick zu. "Ja."
    Jane lächelte und ihr Gesicht wirkte auf einmal jugendlich schön. "Wenn im Sommer die Blätter dicht waren, sind Sie hineingekrochen und haben sich wie abgeschnitten von der Welt gefühlt."
    Kate blickte sie an. Genau so war es gewesen.
    "Ich habe als Kind auch in diesem Garten gespielt", erklärte Jane. "Es war das Haus meiner Großmutter."
    In einem nahen Baum begann eine Grille zu zirpen. Ein Huhn scharrte vor der Hintertür. Kate hatte keine Lust, sich weiter zu unterhalten. Jane offensichtlich auch nicht. Aber das Schweigen zwischen ihnen war nicht peinlich. Wie sie dasaß, das leere Glas, das langsam warm wurde, in ihrer Hand, fühlte sich Kate wie hypnotisiert vom Frieden des späten Nachmittags.
    Nach einer Weile beugte sich Jane vor zu einem Klapptisch neben ihrem Stuhl, und Kate stellte fest, dass dort ein altertümlicher Plattenspieler stand. Der mit grünem Leder bezogene Kasten war zerbeuelt und fleckig. An einem der Griffe hing noch der zerfetzte Aufkleber einer Fluggesellschaft. Als Jane den Deckel hob, und Kate den Plattenteller und den glänzend schwarzen Plattenarm sah, durchzuckte sie Erkennen. Als sie ein Kind war, hatten sie auch so einen Plattenspieler gehabt. Er war damals neu und markellos gewesen - ein geheiligter Familienschatz, den sie nicht berühren durfte.
    Ein Kratzen und Rauschen ertönte, und dann waren die ersten Takte einer berühmten Arie zu hören. Die Stimme einer Frau drang voll und kräftig durch das Schallrohr in den Garten und rief eine tiefe, namenlose Sehnsucht hervor.
    Während sie lauschte, blickte Kate zu ihrem Haus. Es aus diesem Blickwinkel zu sehen erinnerte sie daran, wie sie früher in ihrem geheimen Garten gesessen und den Ort betrachtet hatte, an dem sie und ihre Eltern lebten. Sie hatte gerne so getan, als sei sie eine Fremde. Sie beobachtete Zeichen ihres Daseins - die Gardinen an den Fenstern, die Wäsche auf der Leine - und suchte nach irgendwelchen Anzeichen dafür, dass sie keine gewöhnlichen Australier waren, die ein ganz normales Leben führten. Sondern dass sie eine verkleidete Missionarsfamilie waren.
    Die Carringtons hatten fast zwei Jahre hier gewohnt, während Kates Eltern sich weiterbildeten. Obwohl sie Heimweh nach Afrika hatten, wurde das neue Leben der Familie rasch von fder Freude bestimmt, in Australien zu leben. Ohne dass Ordena oder Tefa ihnen half, kochten, putzten und kauften sie zusammen ein. Kein Krankenhaus rief Michael an den Abenden weg, und sie hatten Zeit, Gesellschaftsspiele zu spielen und miteinander zu reden. Sie gingen ins Kino und zum Essen in Restaurants. Und sie kamen sich bei diesen neuen Erfahrungen sehr nahe.
    In Kates Erinnerungen war das Zwischenspiel zu einer goldenen Ära geworden. Sie war dankbar dafür, dass die Mission das kleine Haus für sie erhalten hatte und dass sie wieder hierher zurückkehren durfte, nachdem sie die Schule beendet hatte. Mit großer Sorgfalt hatte sie jede Spur der Mieter, die es in den letzten Jahren bewohnt und mit ihren fremden Erinnerungen beschmutzt hatten, getilgt.
    Als Kate aus ihren Erinnerungen hochschrak, sah sie, dass Jane sie beobachtete. Sie lächelte rasch und hoffte, dass ihr Gesicht nichts von ihren Gefühlen verriet.
    "Ich sollte jetzt gehen." Sie stand auf, aber Jane bedeutete ihr, das Ende des Lieds abzuwarten.
    Die Stimme verweilte bei den letzten Noten und dehnte sie, als wolle sie den Moment nicht verstreichen lassen. Schließlich verklang der letzte Ton, und Kate stand erneut auf.
    "Ich finde schon allein hinaus", sagte sie. Sie wies auf das Tor, das in den Vorgarten führte.
    Jane schien sich jedoch erholt zu haben und bestand darauf, Kate zu begleiten. Als sie sich verabschiedete, berührte sie Kate sanft und zögernd am Arm.
    Kate blickte sich nicht mehr um, aber sie spürte, dass die Frau ihr nachsah. Sie merkte, dass sie versuchte, sich anmutig zu bewegen, so wie es ihr als kleines Kind beigebracht worden war - ihre Ayah hatte beschlossen, den tollopatschigen Gang des Kleinkinds zu verbessern.
    Mach deinen Hals Lang. Halte deine Arme locker. Stell dir vor, du trägst einen Wassertopf auf dem Kopf ...
    Kate öffnete das hohe Holztor in dem Zaun und trat aus der wuchernden Wildnis in einen ordentlichen viktorianischen Vorgaten. Ein Gärtner war damit beauftragt, den vorderen Teil des gartens in Ordnung zu halten; langweilig aussehende Büsche und Sträucher standen ordentlich in Reih u8nd Glied, was zu der soliden Fassade des Hauses passte. Von der Straße aus, dachte Kate, vermutete niemand die verborgene Wildnis, die doch so nahe wahr.
    In ihrem eigenen Garten wandte Kate ihre Aufmerksamkeit dem Teich zu, den sie neben der Hintertür anlegen wollte. Mit einem Maßband begann sie die Fläche auszumessen. Es war so wenig Platz, dass alles genau stimmen musste. Sie arbeitete langsam und sorgfältig, bis von der anderen Seite des Zauns die Takte eines neuen Lieds herüberdrangen. Überrascht blickte sie auf. Die Melodie war lebhaft und fröhlich, mit dominanten Bässen; völlig anders als die Arie, die sie vorher gehört hatte. Kate erkannte das Lied, weil sie in der Klinik Bänder mit Musik der sechziger Jahre abspielten. Puppet on a String von Sandy Shaw. Jane spielte offensichtlich einen Hit aus ihrer Jugend - aus der Zeit, als sie sich noch auf ihre Zukunft gefreut hatte, die voller strahlender Hoffnungen vor ihr lag. Ob sie das so geplant hatte?, dachte Kate, ganz allein zu leben ... Kate durchzuckte der Gedanke, dass es ihr auch so gehen würde. Sie würde auf sich selbst angewiesen sein. Der Gedanke war seltsam tröstlich, weil ihr das Gefühl, von anderen isoliert zu sein, schon vertraut war.
    Sie hatte dieses Gefühl zum ersten Mal verspürt, als man sie nach Dodoma ins Internat geschickt hatte. Damals jedoch war Jesus noch ihr allgegenwärtiger Freund gewesen; und zu Hause warteten ihre Eltern. Langali war weit weg von Dodoma - aber sie wusste, dass sie letztendlich wieder dort hinkam. Langali und Dodoma, Zuhause und Schule, gehörten zur selben Welt.
    Als Kate das nächste Internat in Melbourne besuchen musste, war alles anders geworden. Dort war sie wirklich allein gewesen; ihr Zuhause gab es nicht mehr, ihre Eltern hatte Jesus zu sich genommen. Ein toller Freund war das! Aber irgendwie hatte sie auch das überstanden. Und schließlich hatte sie die Freiheit, die Bindungslosigkeit mit sich brachte, schätzen gelernt. Sie hatte gelernt, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen.
    Kate blickte über den Zaun und sah die dünne Rauchfahne, die von der Feuerstelle aufstieg. Seltsam, daran zu denken, dass sie und Jane hier nebeneinander wohnten, jede für sich allein. Zwei Menschen, eine Generation auseinander und völlig unverbunden - abgesehen von dem seltsamen, bedeutungslosen Zufall, dass sie früher einmal unter der gleich alten Trauerkirsche 'Haus' gespielt hatten.
    ________________________________________
    Ende Kapitel 1

  3. #3
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    Soderle here comes Chapter TWO
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    2



    In den Regalen von Kates Küche waren ordentlich beschriftete Blechdosen aufgereiht. Sie stand davor und packte ihre Einkaufstasche aus, wobei sie jedes Teil sorgsam an seinen Platz verstaute. Sie war fast fertig, als es an der Vordertür klopfte. Rasch räumte sie die letzten beiden Päckchen weg. wieder klopfte es, laut und drängend.
    Kate öffnete die Tür, eine höfliche Entschuldigung auf den Lippen. Es war ungewöhnlich, dass jemand einfach ohne Vorwarnung hereinschneite, und sie erwartete eigentlich, einem Vertreter oder Marktforscher gegenüberzustehen. Aber stattdessen stand ihre Nachbarin vor der Tür. Jane trug immer noch die gleichen Sachen wie zuvor, aber sie hatte sich zusätzlich einen bunt bedruckten Schal um den Hals geschlungen. Die Haare hingen lose auf ihre schultern. Sie sah viel stärker und fröhlicher aus - jünger.
    "Könnte ich mir vielleicht eine Tasse Zucker borgen?", fragte sie.
    Einen Moment lang blickte Kate sie nur an und fragte sich, ob sie das wirklich ernst meinte. Dann fiel ihr ein, wie leer die Küche gewesen war.
    "Natürlich", lächelte sie. "Ich hole ihn"
    Sie ging den Flur entlang und stellte irritiert fest dass Jane ihr folgte. Als sie das Wohnzimmer betraten, blieb Jane stehen, und Kate sah, wie sie das Zimmer prüfend betrachtete. Aufmerksam ließ sie den Blick über die modernen skandinavischen Sessel und den Tisch, auf dem eine Vase mit fast entblätterten Gerbera stand, wandern. Es gab nur einen Gegenstand im Zimmer, der fehl am Platze wirkte: ein grob geschnitzter, afrikanischer Elefant, der auf dem Kaminsims stand.
    Jane ging direkt darauf zu.
    "Wo haben Sie den her?", fragte sie und nahm ihn so vorsichtig in die Hand, als sei er ein kostbares Kunstwerk.
    "Eine Freundin hat ihn mir geschenkt", erwiderte Kate. jedes Jahr zu weihnachten bestellte Lucy Geschenke aus dem Katalog einer Hilfsorganisation, ethnische Handarbeiten aus der ganzen Welt. Kate hob diese Geschenke immer sorgfältig auf, und wen Lucy dann das erste Mal nach den Feiertagen da gewesen war, warf sie sie weg.
    Jane stellte die Schnitzarbeit wieder auf den Kamin und wandte ihre Aufmerksamkeit einigen Zeichnungen zu, die an eine Korktafel gepinnt waren. es war eine Serie von Gartenzeichnungen, die in der unteren Ecke alle die gleiche Signatur trugen: Kate Creigh. Die Pläne unterschieden sich voneinander - auf einigen waren Brunnen, auf einigen Pergolen, gestutzte hecken oder sorgfältig platzierte Bänke -, aber es waren immer große, formale Gärten.
    Kate überließ Jane der Betrachtung der Zeichnungen und ging in die Küche. Sie nahm ein neues packet Zucker aus dem Schrank.
    "Hier, bitte", sagte sie, als sie wieder an die Stelle zurückkam, wo sie Jane verlassen hatte. Aber dort war sie nicht mehr. Stattdessen stand sie an der Verandatür und blickte in den Garten.
    Der Garten hinter dem Haus war sehr schmal. Er hätte sich gut für eine Anlage im Cottastill geeignet, mit Beeten voller selbst gezogener Blumen und Kräuter. Aber Kate hatte ihn so entworfen, dass er, so hoffte sie jedenfalls, wie das Fragment von etwas Größerem wirkte - eine kleine ecke eines großzügigeren Gartens. Die Idee war bemerkenswert gut gelungen. Zwischen den ordentlichen Hecken, den überwucherten Rändern und den breiten Pfaden konnte man ein Gefühl von Wohlbehagen und Proportion empfinden, das normalerweise nur in größeren Gärten zu erreichen war. Man durfte nur nicht auf den Zaun blicken.
    Jane neigte nachdenklich den Kopf, während sie den garten betrachtete. Sie richtete den Blick auf die Stelle, die für den Teich vorbereitet war.
    "Das wird so ziemlich das Letzte sein, was hier noch hereinpasst", kommentierte sie.
    Kate antwortete nicht. Der Gedanke daran, dass der Garten fertig sein könnte, bereitete ihr keine Freude. Solange sie sich erinnern konnte, hatte die Arbeit daran ihre Wochenenden und Urlaube ausgefüllt.
    Nach einem Moment des Schweigens wandte Jane sich zum Gehen. "Danke für den Zucker", sagte sie.
    Kate begleitete sie zur Haustür. Dort blieb Jane auf der Schwelle stehen, als wolle sie noch etwas sagen, verabschiedete sich jedoch dann.
    Stirnrunzelnd schloss Kate die Tür. Die Frau legte ein seltsames Verhalten an den Tag - als wenn sie etwas zu verbergen hätte oder etwas zurückhalten würde. Kate spähte ihr durch den Türspion nach. langsam ging die große Gestalt den Weg entlang. Am Briefkasten blieb sie stehen. Sie warf einen raschen Blick über die Schulter und holte dann einen Brief heraus, der darin lag. Prüfend musterte sie den Umschlag. Kate kniff die Augen zusammen. An der Adresse, die sie las, war nichts Geheimnisvolles. Offensichtlich war Jane nur an einem interessiert: an Kates Namen.
    Ihrem falschen, angenommenen Namen ...
    In Australien hatte Kate als Tochter von ermordeten Missionaren einen gewissen Status genossen. Die Mädchen in der Schule hatten sie beneidet, weil sie mit etwas so Edlem und weit Entferntem in Verbindung stand. Es hatte ihr eine Popularität eingebracht, die sie erleichtert hingenommen hatte. Später jedoch, als sie entdeckt hatte, dass nicht jeder die Ansichten über Missionarsarbeit, mit denen sie aufgewachsen war, teilte, bekam sie Zweifel - akzeptierte jedoch immer noch, dass sie in erster Linie stets das Carrington-Mädchen bliebe. Die Tragödie von Langali war der Hintergrund, vor dem sich ihr ganzes Leben abspielen würde.
    Und dann, vor ungefähr fünf Jahren, hatte sich alles geändert ...


    Der Postbote hatte Kate ein kleines, flaches Paket gebracht. Sie hatte es aufgemacht, während sie durch ihren Garten schlenderte. Ein Buch und ein Umschlag waren darin gewesen. Auf dem Buch hatte nur der Titel gestanden. Das Buch über moderne Märtyrer.
    Kate hatte es angestarrt, und ein kaltes, ungutes Gefühl war in ihr aufgestiegen. Sie hatte den Umschlag hinten in das Buch gesteckt und sich die Titelseite angesehen. Der Autor hatte ihr mit seidig blauer Tinte eine Widmung hineingeschrieben. Mit Seinem Segen, Rev. Christopher White.
    Ungefähr in der Mitte des Buches war ein Lesezeichen eingelegt. Kate schlug das Kapitel sechs auf.
    Die Tragödie von Langali
    Als Kate zu lesen begann, nahm sie zunächst die Worte auf und ihre Gedanken folgten erst ein wenig später. Der Autor begann mit einer Beschreibung von Dr. und Mrs. Carrington. Zuerst Michael. Er wurde dargestellt als der klassische "Dschungelarzt", stark, erfahren und kompetent. Kate war das Bild nur zu vertraut. Es spiegelte ihre eigene kindische Sicht des Vaters als makelloses, starkes Wesen - fast übermenschlich und mit Sicherheit anders als jeder andere Mann, den sie kannte.
    Sarah Carrington war einfacher gezeichnet. Sie wurde als sanfte, ergebene Ehefrau und Mutter beschrieben, die ihrem Mann unermüdlich in seiner Arbeit unterstützte. Kate las die Beschreibung mit wachsender Enttäuschung. Reverend White sprach genauso von ihrer Mutter wie die Leute in der Mission. Kate erinnerte sich an eine fröhlichere, lebhaftere Frau, aber ihre kindliche Perspektive kam ihr fern und unzuverlässig vor. Sie hatte das Gefühl, diese Interpretation hier akzeptieren zu müssen. das Sarah ein Mensch gewesen war, der immerzu nur gab und kaum ein eigenes Leben führte, der Typ Frau, die Kate am wenigsten bewunderte oder mochte.
    Im Text wurde loben hervorgehoben, wie sich die Missionare für ihre Arbeit aufgeopfert hatten und dass sie bis in den Tod treu im Glauben gewesen seien. Es wirkte so, als sei es unvermeidlich gewesen. Gott hatte Sarahs und Michaels Tod beschlossen. Ihr Märtyrertum war nicht einfach nur der Schlusspunkt ihres Lebens, sondern im Gegenteil der Höhepunkt, der allem, was vorher gewesen war, eine besondere Bedeutung verlieh.
    Und was ist mit mir?, hätte Kate am liebsten gefragt. Sie hatten ihr Kind zurückgelassen. War sie den nebensächlich? Ein unnötiges Überbleibsel? Ein amerikanischer Evangelist, den sie einmal kennen gelernt hatte, fiel ihr ein. Der Junge Mann hatte seine ganze Karriere auf der Tatsache aufgebaut, dass er der Sohn von Missionaren war, die am Amazonas umgebracht worden waren. Kate verstand die Verzweiflung, die sie hinter seinem fröhlichen Lächeln spürte, und sie verstand sein Bedürfnis, in dem tragischen Drama seiner Eltern seine eigene Rolle zu finden. Anscheinend musste man entweder daran teilhaben oder sich genau in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Einen Mittelweg gab es nicht.
    Nun wandte sich Reverend White den Umständen des Mordes an den Carringtons zu. Kate ging hinein und setzte sich. Mit zitternden Fingern blätterte sie die Seiten um. In wenigen Absätzen beschrieb Reverend White die Ereignisse, die sich in Langali zu Ostern 1974 zugetragen hatten. Er schrieb nichts, was Kate nicht schon wusste.
    Nach der Aufzählung der Fakten jedoch gab Reverend White zahlreiche Gerüchte wieder, die zur Tatzeit im Umlauf waren. Es wurde behauptet, so schrieb er, dass man Sarah Carrington ein Ei in den Mund gestopft habe. Kate hielt im Lesen inne und schluckte schwer. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Am liebsten hätte sie nicht weitergelesen, aber sie konnte dem Drang nicht widerstehen. Der Autor behauptete, die Geschichte mit dem Ei habe er in den Polizeiberichten nachprüfen können. Es war offenbar ein Ei aus dem Dorf - typisch klein -, und es war hart gekocht und gefärbt. Eine Schüssel mit ähnlich verzierten Eiern hatte man auf dem Esstisch gefunden. Die Verbindung zu Ostern schien offensichtlich, und man hatte das Ei im Mund der Frau als Zeichen dafür interpretiert, dass der Anschlag antichristliche Gefühle ausdrücken sollte.
    Reverend White war allerdings nicht dieser Ansicht. Er führte an, das Eier bei afrikanischen Zauberritualen eine besondere Bedeutung haben. Und nicht nur das -und hier wurde sein Tonfall aufgeregt-, sondern es hatte auch im Polizeibericht gestanden, dass man einen "einheimischen Fetisch" am Tatort gefunden habe. Es war eine Puppe mit - wie es üblich ist - echtem Menschenhaar. In diesem Fall handelte es sich jedoch um rotes, glattes Haar. Wie das Haar des Gastes im Haus der Carringtons, Annah Mason.
    Zur Zeit der Tragödie hatten viele Leute nicht verstehen können, warum gerade dieser Frau, die - ihrem eigenen Bericht zufolge - den Mördern genauso unbewaffnet und verletzlich wie ihre Gefährten gegenübergestanden hatte, nichts passiert war. Im Polizeibericht stand lediglich, sie habe einen schweren Schock erlitten. Sie wirkte verwirrt und konnte viele Fragen der Polizei nicht beantworten. Tatsache war jedoch, dass es keine vernünftige Erklärung für ihr Überleben gab.
    Reverend White hielt annah Mason für einen seltsamen gast bei den Carringtons. Gewiss, sie hatte früher einmal mit ihnen zusammengearbeitet, weil sie auch in Langali stationiert gewesen war, aber danach war sie aus der Mission gejagt worden. Die Gründe dafür waren nicht ganz klar. Bischof Wade, der damals dort im Amt war, hatte einige wichtige Akten verlegt. Reverend White hütete sich davor, Annah Mason öffentlich irgendeines Vergehens zu bezichtigen, aber deutete an, dass die Geschichte der Tragödie von langali ein dunkles Geheimnis barg, das möglicherweise nie gelüftet werden könne.
    Kate starrte verwirrt auf das Buch. Was wollte Reverend White damit sagen? Dass der Tod ihrer Eltern etwas mit Zauberei zu tun gehabt hatte? In ihrer sauberen, modernen Küche kam ihr allein schon der Gedanke an Zauberei fern und fast absurd vor. Und doch lief ihr ein Schauer über den Rücken, und Ängste, die weit in ihre Kindheit zurückreichten, stiegen in ihr auf. Halbvergessene Erinnerungen an einen Kreis, der auf den staubigen weg gezogen war, umgeben von kreisförmigen Linien aus Fußabdrücken, an eine Reihe blutigere Steine, die mit einer Schnur zusammengebunden waren. Und Ordenas Panik beim Anblick eines Schaffells, das an einem Baum hing. Dann gab es die Geschichte, die Kate im Dorf über eine schwarze Hexe erzählt wurde, die nackt auf einer Hyäne - mit einer brennenden Fackel, die mit Hyänenbutter gespeist wurde -, durch die Nacht ritt. Danach hatte Kate ihre Mutter gefragt, ob man Hyänen wirklich melken könnte. Sarah hatte über die Vorstellung gelacht. Aber Kate hatte gespürt, dass man ihr einen Einblick in etwas Geheimes, Dunkles und Mächtiges gestattet hatte.
    Kate rieb sich mit den Händen übers Gesicht, als ob sie dadurch die Gedanken auslöschen könnte. Dabei stieß sie das Buch mit dem Ellbogen vom Tisch, es klappte auf, und der Umschlag, den sie beim lesen hineingesteckt hatte, fiel heraus.
    Kate hob ihn auf und öffnete ihn. In ihm befanden sich zwei Briefbogen. Auf dem ersten Brief war das vertraute Missionswappen. Er enthielt nur eine kurze Mitteilung, in der stand, dass der Beigefügte Brief bereits vor einigen Jahren eingetroffen sei, dass der Sekretär aber beschlossen habe, ihn zurückzuhalten, bis Kate achtzehn war. Erst kürzlich habe man ihn in Kates Akte entdeckt und ihn ihr deshalb zusammen mit Reverend Whites Buch geschickt.
    Kate ließ die Mitteilung der Mission einfach zu Boden fallen und entfaltete den Brief. Ein mit der Hand geschriebener Name stand drüber.
    Annah Mason.
    Kate erstarrte. Sie wollte eigentlich nicht weiterlesen, wusste aber, sie musste es tun ...
    In dem Brief stand einfach nur, dass annah Mason gerne mit Kate Kontakt aufnehmen würde. Sie sei Sarahs engste Freundin gewesen, und es gäbe Dinge, die sie Kate gerne erzählen würde. Annah Mason bat sie, ihr an die angegebene Adresse zu antworten, wenn sie diesen Brief erhielte. Das war alles.
    Kate blickte auf die schwungvolle Handschrift. Ihr Blick blieb an der Adresse hängen.
    Kwa Moyo. Murchanza Post Office. Tansania.
    Murchanza! Der Nachbarort von Langali ...
    Ein sanfter Schmerz durchfuhr sie beim Anblick des vertrauten namens. Kate konzentrierte sich auf die anderen Wörter. Kwa Moyo. Sofort fiel ihr die Übersetzung ein. Heim des Herzens. Was auch immer es sein mochte - ein Dorf oder eine Farm vielleicht -, sie hatte noch nie davon gehört.
    Kate begann, in der Küche auf und ab zu laufen. sie versuchte, ruhig und umsichtig zudenken. Wer war diese Frau? kannte Kate sie? Auf dem Weg nach Uganda waren manchmal Missionare durch Langali gereist. Und über die Jahre hatten viele Krankenschwestern im Krankenhaus gearbeitet. Aber so angestrengt Kate auch nachdachte, an eine Annah konnte sie sich nicht erinnern. auch nicht an eine Schwester Mason. oder Miss Mason.
    Kate blieb am Fenster stehen und starrte blicklos auf ihren Garten. Ein Teil von ihr wollte die Verbindung zu dieser Frau herstellen, die den Mord an ihren Eltern erlebt und ihren letzten Tag mit ihnen verbracht hatte. Aber sie hatte Angst vor dem, was sie dann erfahren würde. Warum sollte sie den schmerz, den sie sowieso schon empfand, noch größer machen? Es gab nur eine Realität, und daran war nichts zu ändern. Es war die Realität ihrer Albträume - das Blut auf dem Fußboden, die Entsetzensschreie in der Nacht, die zerhackten Glieder. Die Albträume, wegen denen sie früher an keiner Metzgerauslage vorbeigehen konnte und wegen denen sie sich keinen der Filme ansah, in die ihre Freunde gingen. Die Albträume, die sie früher zu verdrängen versucht hatte, indem sie nach Autounfällen und Straßenschlachten ganze Nächte auf der Intensivstation arbeitete. später hatte sie versucht, das Entsetzen zu kanalisieren, indem sie die Kunst perfektionierte, wunden wieder zusammenzunähen. Aber nichts hatte geholfen. Das Entsetzen und der Schmerz waren immer noch da. Mit den Jahren hatte sich nur eine Wahrheit als sicher erwiesen, und Kate hatte ihre Lektion gelernt: Sie konnte nur überleben, wenn sie den Schmerz tief in sich vergrub und vergaß.
    Halte dein Herz fest
    Kate zerknüllte den Brief in der Faust. Wut stieg in ihr auf. Warum sollte sie zulassen, das diese Frau einfach so in ihr Leben einbrach und den schmerz wieder aufwühlte, den sie sorgsam verborgen hatte? Für wen hielt sie sich? Bat Kate einfach, mit ihr reden zu können, als sei sie eine Freundin.
    Kate trat durch das Wohnzimmer zum Kamin. eine dekorative Pyramide aus Pinienzapfen und Brennholz lag dort aufgeschichtet für den Sommer. Sie hielt ein Streichholz daran und entzündete sie.
    als die Flammen hochschlugen, warf sie den Brief von annah Mason ins Feuer. Sie sah zu, wie er sich an den Rändern wölbte und schwarz wurde. Die Tinte brannte grün. Danach zerriss sie Reverend Whites Buch und warf es ebenfalls, Seite für Seite, in die Flammen und sah zu, wie es verbrannte. Sie bewegte sich erst wieder, als der letzte Rest zu Asche verglüht war.
    Dann ging sie hinaus und kaufte sich eine Zeitung. Sie überflog die Todesanzeigen und suchte sich einen neuen Namen aus. Marianne Creigh. Es lag eine grimmige Ironie darin, sich den Namen einer fremden Toten anzueignen. Als Kate sich jedoch daran machte, die Formulare auf der Meldebehörde auszufüllen, merkte sie, dass sie sich von ihrem Vornamen nicht trennen konnte. Das war der Name, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. also nahm sie ihn schließlich mit in ihr neues Leben und ließ nur ihren berühmten Nachnamen zurück.
    Noch am selben Tag schrieb sie an die Mission, dass sie nie wieder Post von ihnen zu erhalten wünsche. Dann schrieb sie Annah Mason, sie wünsche keinen Kontakt mit ihr, weder jetzt noch in Zukunft. Und schließlich packte sie alles im Haus zusammen, das mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte - alles, was sie an Afrika, die Mission und das Christentum erinnerte -, und verschloss es in einer Metallkiste, die sie in die äußerste Ecke des Speichers verbannte.
    Die neue Kargheit im Haus gefiel ihr. Kate genoss das hohl klingende Geräusch, das ihre Schritte auf den Böden machten, auf denen jetzt keine afrikanischen Teppiche mehr lagen. Die blanken Wände ohne Bilder und Schnickschnack entsprachen ihrer Gemütslage. Leer und bloß. Sie konnte eine neue Seite in ihrer Geschichte auf schlagen.


    Kate blickte immer noch durch den Türspion, als Jane den Briefumschlag wieder in den Briefkasten steckte. Die grauhaarige Frau runzelte leicht die Stirn, als sei sie ein wenig verwirrt oder unsicher.
    Kate ging wieder zurück in die Küche. Warum überprüfte ihre neue Nachbarin ihren Namen?, fragte sie sich. Was hoffte sie zu erfahren? Kate war beinahe geneigt, sie als Exzentrikerin abzutun - leicht verrückt. Aber es war etwas an Jane, das diese Schlussfolgerung nicht zuließ. Es war etwas Ernstes um sie, etwas Tiefes und Starkes, das man nicht so einfach übergehen konnte.


    Kate pflückte verblühte Blüten von einem Strauch und warf sie in ihren Korb. Ein papierner, alter Duft stieg zu ihr auf. Sie hatte kaum die Hälfte des Strauches gesäubert, als sie spürte, dass sie beobachtet wurde. Sie blickte hoch und sah, dass ihre Nachbarin über den Zaun spähte. Einen Moment lang war sie irritiert über die Zudringlichkeit - erst gestern hatte sie sich Zucker geborgt -, aber ihr Ärger verflog, als sie den herzlichen Ausdruck auf dem Gesicht sah.
    "Guten Morgen", rief Jane. Sie ließ ihren Blick durch den garten schweifen und folgte dem großzügigen Verlauf des Weges, der am Zaun abrupt endete. "Ich habe gerade gedacht, dass Sie mehr Platz brauchen könnten. Ich brauche nicht den ganzen Garten." Jane lächelte. "Wir können den Zaun versetzen."
    Kate starrte sie an und versuchte, die Worte zu verstehen. Niemand verschenkte einfach so einen Teil von seinem Grundstück. Und doch klang es wie ein ernsthaftes Angebot. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
    "Wir könnten einen Vertrag aufsetzen", fuhr Jane fort, " damit Sie wissen, woran Sie sind. Schließlich wollen Sie ja sicher nicht einen garten angelegen, um ihn letztendlich wieder zu verlieren. Ich habe mir alles genau überlegt."
    Sie schwieg, aber sie lächelte. Das kleine, geheime Lächeln einer Verführerin.
    Kate erwiderte ihren Blick und versuchte, in den klaren, graugrünen Augen zu lesen. Sie schüttelte den Kopf.
    "Danke, das ist ein sehr großzügiges Angebot. aber das kann ich unmöglich annehmen."
    "Denken Sie mal drüber nach", schlug Jane vor. "Sie könnten diese Stück haben." Sie markierte mit der hand eine Linie, bevor sie sich umdrehte und wieder aufs Haus zuging.
    Kate sah ihr nach. Dann stellte sie sich auf Zehenspitzen an den Zaun, um sich das Stück anzusehen, auf das Jane gedeutet hatte. Sie sah förmlich vor sich, wie dadurch der Garten auf ganz natürliche Weise erweitert werden könnte. Dann hatte sie sogar Platz für einen richtigen Teich mit einer gepflasterten Einfassung. Und für Terrakottatöpfe mit Lotuslilien ...
    Entschlossen verdrängte Kate die Vorstellung von Raum, Licht und Bewegung und ging wieder zurück. Sie konnte Janes Angebot nicht annehmen. Und doch war es da - verlockend, quälend. Kate ging ins haus, ohne ihre Arbeit am Strauch fortzusetzen.
    Als sie das Wohnzimmer betrat, blies eine leichte Brise vom Garten herein. Die Gartenpläne flatterten zu Boden. Rasch sammelte Kate sie auf, aber sie sah sie nicht an.
    ____________________________________________
    Ende Kapitel 2

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